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Und wir, sind wir lebendig? 

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Bild: "Und die Nacht wird dunkler" Werk des kubanischen Malers A. Montoto

Seit dem 31. Juli 2006 ist Fidel Castro mehrere Male und auf unterschiedliche Weise gestorben. Aufgrund seiner Erklärung, mit der er die Macht an ein Regierungs"kollegium" aus seinen Adepten übertrug, angeführt von seinem kleinen Bruder, aufgrund dieser Erklärung begannen die Leute zu begreifen, dass der Líder [i] tatsächlich ein gewöhnlich Sterblicher war. Die "neue" Regierung – ihrerseits in offenkundiger Verschwörung mit dem Ancianísimo [ii] - zettelte ein bühnenreifes Komplott an, um die Bevölkerung weiterhin glauben zu machen, dass dieser immerwährend bereit sei, uns zu führen und zu leiten, sobald seine Regierungsweisheit angerufen werde. Ganz nebenbei wurde damit die Unfähigkeit seiner Nachfolger offenbart, selbstständig Entscheidungen zu treffen.

Es ist so, dass der Caudillo[iii] in diesen zweieinhalb Jahren nur in den Medien vorkam oder in den Berichten jener ausländischen Persönlichkeiten, die behaupteten, sich mit ihm unterhalten zu haben, als sie hier auf Staatsbesuch waren. Seit seiner Zwangspensionierung sind einige wenige Fotos und ein Videofilm im Fernsehen als unwiderlegbare Beweise betrachtet worden, dass Castro "lebt". Und das, ohne die "Reflexiones" [iv]zu erwähnen, ein nahezu infantiles Mittel, um seine bildliche Gegenwart über die Grenzen aller logischen Überlegungen hinaus zu verlängern.

Diese abwechselnden Tode und "Erscheinungen" haben jedoch die größtmögliche Gleichgültigkeit in der Bevölkerung zur Folge gegenüber dem unbesiegbaren und allgegenwärtigen Comandante[v]. Die "Nachricht" über den unechten Toten ging um, aber niemand redete darüber, weder gut noch schlecht. Die deutlichste Schlußfolgerung, die die Menschen daraus zogen, war, dass schließlich und endlich mit und ohne ihn alles gleich war wie vorher: dieselbe Armut, dasselbe Fehlen von Freiheit, die Hoffnungslosigkeit. Die Anfangserwartungen, die die Erklärung geweckt haben mag, die anschließende "Wahl" von Raúl Castro zum Präsidenten und seine falschen Versprechen eines Wandels, alles das ist einer völligen Willenlosigkeit gewichen. Das Fehlen von Gauben an und Vertrauen in die Regierenden ist heute allgemeiner Normalzustand der kubanischen Gesellschaft, und anscheinend gibt es nichts, was das ändern könnte -  nicht einmal der mutmaßlich wirkliche Tod dessen, der so oft gestorben und wieder auferstanden ist.

Dieses letzte Mal - nennen wir es "der vorletzte Tod" - hat wieder bestätigt, dass F. Castro nicht nur ausschließlich in den Massenmedien lebt, sondern dass er auch dort stirbt. Die Auslandspresse, die "Kubanologen", die Analysten und Druiden haben fast den ganzen Monat Januar lang Mutmaßungen über den Beinahe-Tod angestellt, bis die Prinzessin aus dem Märchen auftauchte, in Gestalt der Ehefrau von Nestor Kirchner, und den Zombie wieder auferweckte. Wie ihr seht, Pressegeschichten.. Was mich betrifft, so wäre für mich der eventuelle Tod des Caudillo[vi] nicht mehr als das Ende von einem "Etwas" und der Beginn des von etwas Anderem. Bedauerlicherweise müssen die Kubanar für diesen Beginn auf sein tatsächliches Ableben warten: ein weiteres Ergebnis von einem halben Jahrhundert Diktatur und von mehr als zwei Jahrhunderten historischer Verantwortungslosigkeit aller. Weil wir uns nämlich jetzt einbringen müssen, damit das "Andere" das Schicksal von uns ist, wenn wir nicht noch einmal 50 Jahre warten und den Launen von irgend Jemandem ausgeliefert sein wollen. Niemand scheint zu verstehen, dass unter den gegenwärtigen kubanischen Umständen das wirklich Wichtigste nicht ist, ob Fidel Castro tot ist oder nicht, sondern ob wir selbst wirklich lebendig sind..

Miriam Celaya, Havanna, 27.01.09

Übersetzung: Heidrun Wessel

Artikel aus Sin evasión http://www.desdecuba.com/sin_evasion/

[i] (Máximo) Lìder: (dt.: oberster Führer) von der Position als oberster Heerführer abgeleitet) ist ein Beiname für den ehemaligen Regierungschef und Staatspräsidenten Kubas, Fidel Castro

[ii] Ancianísimo: Wörtlich: dem Allerältesten, in Anspielung auf den Titel "Generalísimo", den sich der ehemalige spanische Diktator General Francisco Franco einst selbst verpasst hatte

[iii]  Caudillo: militärischer und politischer Machthaber; amtlicher Titel des ehemaligen spanischen Diktators Francisco Franco.

[iv] Reflexiones (dt. Gedanken, Überlegungen) Fidel Castro veröffentlicht - angeblich selbst - in der Zeitung Granma unter der Überschrift „Reflektionen des Genossen Fidel” in unregelmäßigen Abständen Essays.

[v]  Comandante (en Jefe): (dt.: Oberbefehlshaber der Armee) damaliger offizieller Rang von Fidel Castro und häufig gebrauchte Bezeichnung für ihn.

[vi] Caudillo: militärischer und politischer Machthaber; amtlicher Titel des ehemaligen spanischen Diktators Francisco Franco.

 

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