Antonio Muñoz Molina

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Die Angewohnheit Niedertracht

Ich habe mit den Jahren den Namen und das Gesicht jenes russischen Autors vergessen, aber ich erinnere mich immer an seine Hände. Es waren große Hände, sehr viel gröber als sein Gesicht, mit platten Fingern, gequetschten  Fingernägeln, so als wären sie gevierteilt, rissig, mit Mühe gewachsen; Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand gelb vom Nikotin. In die Hand- und Fußflächen ist das Leben der Leute eingeschrieben, erzählte mir einmal ein Gerichtsmediziner. In die Hände jenes russischen, ehemals sowjetischen Schriftstellers, den ich bei einem Literaturkongress in Portugal kennen lernte, war unauslöschlich eine Biografie von psychiatrischen Krankenhäusern und Straflagern eingeschrieben. Es war ein internationales Kolloquium, von dem ich auch nichts erinnere, außer den Händen jenes Schriftsteller, außer dem Zeigefinger, der sich einen Augenblick vom Zigarettenrauch entfernte, um in Richtung von uns westlichen Kollegen zu zeigen, die wir mit ihm an einem runden Tisch saßen, und die wir ihm schweigend zugehört hatten, als er die Geschichte seiner Verfolgung erzählte. "Wie wenig müssen wir Ihnen danken", sagte er zu uns, den nikotingelben Finger ebenso fest wie den Blick seiner sehr hellen Augen. "Sie, die europäischen Schriftsteller, die die Freiheit genossen, wie wenig Solidarität hatten Sie mit uns, wie wenig Hilfe ließen Sie uns zukommen."
 Manche senkten den Kopf und schauten in die andere Richtung, um den platten Anklagefinger nicht sehen zu müssen. So hat sich ein Teil der westlichen Intellektuellen gegenüber dem Leid der Opfer von kommunistischen Regimen verhalten. In die andere Richtung schauen, schweigen aus Angst, auf unbequeme Art als Komplize der Reaktion beschuldigt zu werden.

Schließlich und endlich gibt es wesentlich sicherere Angelegenheiten, die risikolos die Eitelkeit garantieren, sich solidarisch zu fühlen, das unwiderlegbare Zertifikat der Fortschrittlichkeit, das moralische Straflosigkeit erlaubt, neben einer gewissen Zahl von praktischen Nutzen, die auch nicht zu verachten sind. Man kennt die Gefahr, die einer läuft, wenn er nicht im Gleichschritt der Orthodoxie marschiert, die so geliebt wird bei denen, deren Metier scheinbar die Freiheit der Vorstellungskraft und die Widerspenstigkeit des Denkens ist. Es gibt somit welche, die schweigen und zustimmen, die strategisch einige Manifeste unterzeichnen, die vielleicht sogar manche Scheußlichkeiten bemerken, die sich aber entscheiden zu schweigen, "um dem Feind nicht Vorschub zu leisten", nicht dass etwa irgendwer sagt, man sei ein Rechter geworden. Es gibt in einem großen Teil der europäischen und amerikanischen demokratischen Linken einen dumpfen Widerstand dagegen, zu akzeptieren, dass im Namen der Justiz begangene Unterdrückung und Verbrechen genauso ekelhaft sind, wie diejenigen, die im Namen von Rassenüberlegenheit begangen werden. Es genügt, dass eine Diktatur sich als "links" erklärt, damit ihren Übergriffen die Nachsicht von denjenigen zuteil wird, die niemals Gefahr laufen, solche Übergriffe zu erleiden. Genauso wie eine Terroristengruppe, die versichert, für die Befreiung eines unterdrückten Volkes zu kämpfen, romantische Gefühle unter gut meinenden Angelsachsen und Skandinaviern erweckt, die im Stande sind, über eine ausgesetzten Katze zu weinen, aber kalt sind wie ein Stein vor dem Blut eines menschlichen Opfers.

Intellektuelle.

Anfang der siebziger Jahre, als der wunderbare Dokumentarfilmer und Fotograf Néstor Almendros von Cuba ins Exil ging und nach Barcelona zurückkehrte, wo er geboren ist und wo seine spanischen Freunde waren, entdeckte er, dass er sich für fast alle in einen Aussätzigen verwandelt hatte. Sie lehnten sich gegen die Diktatur Francos auf, aber sie misstrauten ihm, weil er vor der Diktatur Fidel Castros geflohen war; einige von ihnen waren homosexuell, aber als Néstor Almendros ihnen von der Verfolgung der Homosexuellen in Cuba berichtete, wollten sie ihm lieber keinen Glauben schenken. Weil Castro sich als antiimperialistisch bezeichnet hatte, wurde man zum Komplizen des Imperialismus, wenn man Castros Tyrannei kritisierte. Gutbürgerliche Schönlinge aus Barcelona salbten sich mit revolutionärer Legitimität und weigerten sich zu akzeptieren, dass Néstor Almendros Recht haben könnte. Was er erzählte, was er erlitten hatte, verdiente keinen Glauben. Notfalls konnte man auf die Verleumdung zurückgreifen.

Das ist der nächst stärkere Grad an Niedertracht:  Es gibt welche, die schweigen, und es gibt welche, die die Stimme erheben, aber nicht in Verteidigung von Gerechtigkeit oder Freiheit, sondern um die zu verleumden, die geflüchtet sind, die Dissidenten, die den Frevel begangen haben, für sich selbst und für ihr Land  das zu wünschen, was diejenigen genießen, die ihnen die Würde, das Recht verweigern, angehört zu werden. Das ist eine alte Technik der Sowjetunion.  André Gide war 1936 in der UdSSR, als Ehrengast, um die Traueransprache beim Begräbnis Maxim Gorkis zu halten. Bis dahin hatte er aufrichtige Sympathien für die Revolution empfunden. Aber bei jener Reise, bei der die Behörden ihn mit dem Aufwand und Prunk behandelten, mit dem angesehene ausländische Persönlichkeiten empfangen werden, begann er, beunruhigende Dinge zu beobachten, die Zweifel in ihm säten, die drohten, seinen liebsten Überzeugungen zu widersprechen.  Andere sahen und zogen es vor zu schweigen, berauscht von diesem  für Intellektuelle und Künstler so unwiderstehlichen Saft, dem Schmeicheln ihrer Eitelkeit durch die Chefs einer Tyrannenherrschaft. Aber André Gide kehrte nach Frankreich zurück und wagte zu berichten, was er gesehen hatte, was er weder übersehen wollte noch konnte, die furchtbare Armut, die etablierte Ungleichheit zum Nutzen der Hierarchen der kommunistischen Partei, die trostlose Einförmigkeit eines Landes, in dem die Angst die Stimmen verstummen und die Köpfe sich senken lässt.

Von da an wurde er zum Ziel schlimmster Beleidigungen, bei denen niemals grobschlächtige Anspielungen auf seine Homosexualität fehlten, als sei das ein Zusatzbeweis seiner Dekadenz. André Gide war schon viele Jahre tot, und Pablo Neruda beleidigte ihn immer noch in seinen Memoiren, indem er Witze machte über sein "corydoncito".

Jetzt ist ein kubanischer Dissident nach einem langen Hungerstreik gestorben, und die Rollen wiederholen sich wieder einmal. Der Job der Einen ist es zu schweigen, so dass es keinerlei Information über den Hungerstreik von Orlando Zapata gab, der das Recht auf Würde einforderte und dabei das Einzige aufs Spiel setzte, was einem in einer Tyrannei bleibt, sein Leben. Der Job Anderer bei der üblichen Rollenverteilung der Niedertracht ist die Verleumdung. Margarete Buber-Neumann wurde ebenfalls von europäischen Intellektuellen mit reinem Gewissen verleumdet, als sie, nachdem sie die Lager Stalins und die Lager Hitlers überlebt hatte, ein klarsichtiges und mutiges Buch der Erinnerungen schrieb und dabei die identische Unmenschlichkeit beider Tyranneien veranschaulichte. Während so viele von uns schwiegen oder nichts davon mitbekamen, wählte der Schauspieler Guillermo Toledo für sich die Rolle, die er zweifellos für die rühmlichste hielt,  nämlich die, vom Gipfel seiner Privilegien aus einen Verfolgten zu beschimpfen, einen armen Menschen einen Verräter und Terroristen zu nennen, der nie auch nur einen Bruchteil des Wohlstands und der Freiheit haben konnte, die Herr Toledo und seine Einpeitscher gefahrlos genießen. Ich hatte gedacht, ein Linker zu sein bedeute, für die Gleichberechtigung der Menschen zu sein, für das Recht jedes Einzelnen, sein Leben souverän zu leben. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der stalinistische Brauch, die Verfolgten und die Ermordeten zu beleidigen, so lange fortdauern würde.

Antonio Muñoz Molina 13.03.2010

Übersetzung: Heidrun Wessel

Artikel aus El País
http://www.elpais.com/articulo/portada/costumbre/infamia/elpepuculbab/20100313elpbabpor