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"Wir sind verbannt, das ist die Wirklichkeit"


Die ersten kubanischen Häftlinge, die in Spanien angekommen sind, erinnern die menschenunwürdigen Verhältnisse der Castro-Gefängnisse

MAITE RICO | Madrid 14/07/2010


"Aber – hätten sie sie nicht noch weiter weg bringen können?" schimpft Blanca Reyes, die Vertreterin der Damas de Blanco[1] in Europa beim Betrete des Hostals, in dem die ersten sieben von der kubanischen Regierung entlassenen Häftlinge[2] untergebracht sind. Die Gegend ist wirklich trostlos: ein Gewerbegebiet im Madrider Vorort Vallecas, neben ausgetrocknetem Brachland.
Julio César Gálvez, Omar Rodríguez, Normando Hernández, Ricardo González, José Luis García Paneque y Léster González dieron una rueda de prensa en Madrid esta mañana.
Julio César Gálvez, Omar Rodríguez, Normando Hernández, Ricardo González, José Luis García Paneque y Léster González dieron una rueda de prensa en Madrid esta mañana. EFE

Aber die Dissidenten achten nicht darauf: vor 72 Stunden waren sie in einem Castro-Gefängnis. Eines dieser Gefängnisse, wo der Zutritt für internationale Beobachter verboten ist, wo sich eine Chronik der Schrecken angesammelt hat, seit sie im Schwarzen Frühling [3]von 2003 verhaftet wurden. "Das sind menschenunwürdige Strukturen, und das sage ich als Journalist, nicht als Häftling", bekräftigt der 60jährige Ricardo González, Berichterstatter von Reporter ohne Grenzen auf der Insel. "Überfüllung, tropfende, undichte Abwasserleitungen, Zellen, wo die Gefangenen ihre Notdurft in ein Loch verrichten, dort, wo sie schlafen .  . .

Das ist das Übliche  für alle Häftlinge. Aber für die Gruppe jener 75 Journalisten und Menschenrechtsaktivisten, die zu Strafen von bis zu 28 Jahren verurteilt wurden, wendete die Regierung die schärfste Haftform an, sie isolierte sie in Strafzellen. Ricardo González verbrachte drei Monate unter elektrischem Licht, das 24 Stunden am Tag brannte. Dagegen sperrte man  den 33jährigen Léster González in eine 1,80 Meter große Dunkelzelle. "Von Montag bis Freitag wurde ich täglich einen Augenblick herausgeholt, damit ich etwas Sonne abbekam", erläutert er.

Fern der Heimat

Die Dissidenten wurden in den Gefängnissen untergebracht, die am weitesten entfernt von ihren Heimatorten lagen. "Wie bekamen alle drei Monate einen Besuch. Und Besuch des Ehepartners zweimal im Jahr", erklärt Ricardo, der 533km von Havanna entfernt eingesperrt war. Das bedeutet eine Tortur sowohl die Gefangenen als auch für ihre Familien, die sie sehen wollten und sie herbeiwünschten, in einem Land, in dem der Personenverkehr in den letzten Zuckungen liegt.

"Ihre Absicht war, die Paare auseinander zu bringen, aber anstatt uns zu verlassen, taten sich unsere Frauen zusammen, und es entstanden die Damas de Blanco", fügt Ricardo hinzu. Bei ihm ist Alida, seine Partnerin. "Sie hat die spanische Staatsangehörigkeit und wollte Kuba verlassen, bevor man mich verhaftete. Als ich Gefangener war, erlaubte ich ihr die Ausreise. "Aber ich konnte ihn nicht im Gefängnis zurücklassen", erklärt die Frau, die von ihrem Arbeitsplatz, einer Bank,  entlassen wurde und von der Unterstützung ihrer Verwandten im Ausland leben musste, "um Darlehen betteln, Schulden anhäufen". "Am meisten Sorge machte mir, wie ich mit dem, was ich bekommen konnte, ihm eine Plastiktüte mit Essen für vier Monate bringen konnte", sagt Alida. Nichts Auffälliges angesichts der chronischen Lebensmittelknappheit in Kuba, aber alles was besser war als das "gehackte Soja und der samt Eingeweiden gemahlene Fisch" der Gefängniskost.  

Der internationale Druck nötigte die Behörden, die Haftbedingungen für die Dissidenten zu erleichtern, die mit gewöhnlichen Sträflingen eingesperrt waren. "Manche benahmen sich gut, aber andere machten uns – ebenso wie die Wärter – das Leben unmöglich", berichtet Léster, dessen Blick tiefe Unruhe verrät. "Ich habe Angst. Ich konnte nicht schlafen. Es gibt Augenblicke, in denen ich denke, dass das ein Traum ist, und dass ich wieder zurück ins Gefängnis muss. Ich bin psychisch schwer angeschlagen", gibt er zu. Seine Mutter Mireya, Grundschullehrerin, trennt sich  gar nicht von ihm.

In seiner Galeere von 83 Quadratmetern, belegt mit 66 Gefangenen, von denen einige auf dem Boden schliefen, schrieb der 40jährige Pablo Pacheco gemeinsam mit zwei weiteren Dissidenten ein Tagebuch der Unterwelt. Er schaffte es, dieses Tagebuch in die Außenwelt durchsickern und es als Blog  Voces tras las rejas[4] erscheinen zu lassen. Zumindest die kubanischen politischen Häftlinge können mit der Unterstützung durch Menschenrechtsorganisationen rechnen. Aber niemand wacht über die gewöhnlichen Sträflinge. Pacheco erinnert an Selbstmorde und Selbstverletzungen, um Medikamente einzufordern oder vor den Prügeln zu fliehen. Eines Tages stach sich jemand ins Auge, an einem anderen schluckte jemand Salzsäure . . .

Die offensichtlichsten körperlichen Folgen erlitt José Luis García Paneque, der wegen einer Parasiteninfektion und der Unterernährung 40 Kilo verlor. Dieser Chirurg, Spezialist für Verbrennungen,  scharfsinnig und kämpferisch, zu 24 Jahren verurteilt, weil er eine unabhängige Presseagentur geleitet hatte, war ein gefundenes Fressen für die Obrigkeit. Nicht einmal sein Zustand bewahrte ihn vor den Schlägen einiger von der Staatssicherheit aufgehetzter Sträflinge. Trotz allem zeigt García Paneque eine beeindruckende Integrität. Wer dagegen die Gefangenschaft am schlechtesten ertragen hat, so berichten die Dissidenten, ist der Wirtschaftsfachmann Antonio Villarreal. Seit seiner Ankunft hat er sein Zimmer nicht verlassen. "Es geht ihm sehr schlecht. Er wurde seelisch zerbrochen."

Bevor sie nach Spanien geschickt wurden, verlegte sie das Regime in ein Gefängniskrankenhaus in Havanna. "Man gab uns Hähnchen zu essen, und wir hatten eine Klimaanlage. Als könnten sie in drei Tagen die sieben Jahre abwaschen, in denen wir keine Menschen waren",  sagt Ricardo González.  Man gab ihnen auch eine Hose, ein Hemd und eine Krawatte (die niemand in Kuba anzieht), damit sie einen guten Eindruck machen sollten. " Wir sind verbannt, das ist die Wirklichkeit" fügt Ricardo hinzu. Aber für sie ist klar: sie werden weiterkämpfen "für die, die zurückbleiben".

Die Castro-Diktatur hat seit 1962 die Gewissensgefangenen als "Wechselgeld" benutzt, ohne dass es eine politische Öffnung gegeben hat. "Wir müssen dafür sorgen, dass es dieses Mal anders ist. Wenn man uns als Fleischköder benutzen möchte, müssen wir an der Angel ziehen und den Angler zu Fall bringen. Es gibt nichts zu feiern, solange es in Kuba keine Demokratie gibt."

Artikel aus El País, 14.07.10 http://www.elpais.com/articulo/internacional/Estamos/desterrados/realidad/elpepuint/20100714elpepuint_18/Tes

Übersetzung: Heidrun Wessel

Anmerkungen d.Ü.

[1] Damen in Weiß, z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Damen_in_Wei%C3%9F
[2]  spanische Nachricht in El País: http://www.elpais.com/articulo/internacional/Somos/libres/martirio/Zapata/elpepuint/20100714elpepuint_7/Tes
[3] Der Begriff Schwarzer Frühling (spanisch: La Primavera Negra) bezeichnet die ca. zweiwöchige Verhaftungswelle von Regimekritikern ab 18. März 2003 auf Kuba, bei der 90 Personen, darunter 27 Journalisten, inhaftiert wurden, z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzer_Fr%C3%BChling
[4] spanisch http://vocescubanas.com/voztraslasrejas/
englisch: http://voicesbehindbars.wordpress.com/