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Zehn Jahre, ein Blog

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Yoani Sánchez wurde für Ihre Arbeit mit „Generación Y“ im Jahr 2008 mit dem Journalistenpreis „Ortega y Gasset“ ausgezeichnet, den sie allerdings erst 5 Jahre später entgegennehmen konnte. (El País)

 

Die Sonne geht auf und das Geräusch der Tastatur läutet den Beginn eines neuen Tages ein. Ich beginne einen Blog, der mich die angenehmsten und schrecklichsten Momente meiner Existenz erleben lassen wird. Mit dem USB Stick um den Hals gehängt, trete ich auf die Straße, besteige die Außentreppe des Kapitols von Havanna und murmele einige Sätze vor mich hin, um mich in ein Lokal mit Internetzugang schleichen, das eigentlich nur für Ausländer gedacht ist. Es ist der 9. April 2007 und ich publiziere den ersten Text für Generación Y. Mein Leben hat soeben einen Umschwung erfahren.

Ein Jahrzehnt ist nun seit diesem Moment vergangen. Eine Zeit, in der ich in einem Post nach dem Anderen die Vorkommnisse analysiert habe, die sowohl die Realität meines Landes als auch meiner eigenen Existenz geprägt haben. Ich habe die Seiten dieses persönlichen Tagebuches gefüllt und Erfahrungen der gefährlichen und intensiven Jahre, die ich erlebt habe, geteilt. Ein digitales Logbuch, das auch als impressionistisches Gemälde  eines Kubas zu Beginn dieses Jahrtausends dienen kann.

Seitdem ist viel passiert. Ich habe die unglaubliche Reichweite des geschriebenen Wortes entdeckt, den Verstärkungseffekt der Technologie sowie die Absenz ethischer Grenzen im autoritäten Machtgefüge erfahren. Ich habe mit jedem veröffentlichten Satz Verantwortung gewonnen  und das ein oder andere Mal  habe ich die Konsequenzen tragen müssen – und zwar nicht für das, was ich gesagt habe, sondern für das, was Andere glaubten, dass ich gesagt hätte.

Ich handelte mir Schelten eines strengen Diktators ein, der es gewohnt war, nur seine eigene Stimme zu vernehmen. Mehr als eine Nacht verbrachte ich in einem Kerker und lernte, mich verschlüsselt auszudrücken und so die Mikrofone, die in meiner Wohnung angebracht waren, zu umgehen. Ich gewöhnte mich daran, mein Antlitz, mit den schlimmsten Adjektiven geschmückt, in den öffentlichen Medien zu sehen und verlor mehr als einen Freund. Nichtsdestotrotz haben die schönen Momente bei Weitem alle Strafen übertroffen, die ich mir mit diesem Raum für meine eigene Meinung eingehandelt habe.

Ich habe die unzähligen Stimmen entstehen und wichtiger werden sehen, die aus dieser kubanischen Blogosphäre einen immer pluralistischeren und integrativen Ort gemacht haben. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die genauso wie ich in ihren Ländern dazu beigetragen haben, mit neuen technischen Hilfsmitteln zu versuchen, die Gesellschaft zu verbessern. Dabei erhielt ich Unterstützung von meiner Familie und entdeckte den Beruf, den ich heute ausführe: Journalismus.

Jeder Text, der bei Generación Y erschien, zeigt diesen persönlichen Weg, der von Hindernissen und Belohnungen geprägt ist. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich nur den Moment verbessern, in dem ich beschlossen habe, diesen Blog zu schreiben. Ich verzeihe mir nicht, so lange gezögert zu haben, mich auszudrücken.

Yoani Sánchez

Veröffentlicht am April 10, 2017 von Autor  Übersetzung: Berte Fleißig

 Artikel aus: https://generacionyde.wordpress.com/