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Jahres-Magazin
Der Deutsch-Cubanischen
Gesellschaft für Solidarität
mit Cuba

Journal 2008

www.decub.de

Postfach 323416
D 20119 Hamburg

Inhalt
Gesundheit

bulletZurück zur Natur
bulletMeine Poliklinik
bulletEnttarnt: Mythen des kubanischen
 Gesundheitssystems

Alltag

bulletWas hat sich auf Kuba verändert? bullet„Am wichtigsten ist, dass man Geld hat“ bulletUnd täglich grüßt das Murmeltier….

Kultur

bulletWenn man dem wir eine Chance gibt“
Lirik
bulletNeues aus der Bücherkiste bulletKunst im Salon von Lissette Matalón

Impressum

n Cuba-Journal ist das Jahres-Magazin der 
Deutsch-Cubanischen Gesellschaft für Solidarität mit Cuba (DeCub).

n Vorsitzender: 
Prof. Dr. Martin Franzbach,
Postfach 323416,
D 20119 Hamburg

Ruf 040-4801048

n Redaktion: Klaus Commer, Agentur Lukas

Neuer Graben 51
D 44139 Dortmund
Ruf 0231-1348315
Mail
lukas@email.de

Fax 03212-2202020
n Druck: Jürgen Heinze,
Ruhrallee 62, 
D 44139 Dortmund
Ruf 0231-104708

Zurück zur Natur
Aspekte des kubanischen Gesundheitssystems in der Gegenwart

r Clementine Wischiniowki
und Alma Rittel (Dresden


Präventionsprogramme

Kuba war das erste Entwick-lungsland, das es geschafft hat, selbst zu forschen und wichtige Medikamente herzustellen, die Vorbildcharakter haben. Weiterhin wird im kubanischen Gesundheitswesen besonders viel Wert auf die Prävention gelegt, was die starke Verbreitung der Familienärzte verdeutlicht. 

Insgesamt waren im Jahre 2004  402.903 Menschen (6,2 % der Bevölkerung) im Gesundheitswesen beschäftigt. Schwangeren wird ein gesetzlicher Mutterschutz von 6 Wochen vor und 12 Wochen nach der Geburt des Kindes gewährt. Dabei wird den Frauen das Gehalt weitergezahlt und der Arbeitsplatz nach Ablauf des Mutterschutzes garantiert.

Neben den Ärzten, die ihre Patienten zur Hygiene und Ernährung beraten, engagieren sich auch Apotheken in der Prävention von Geschlechtskrankheiten durch die Verteilung von kostenlosen Kondomen an Jugendliche. Medizinische Neuigkeiten gelangen per Radio selbst in entlegene ländliche Regionen.

Textfeld: Das Krankenhaus Hermanos Almeijeiras im Häusermeer von Ha-vanna aktiviert Heilkräfte vor allem für Touristen.  Durch die Fokussierung auf Gesundheitsvorsorge und Rehabilitation ist es der kubanischen Regierung gelungen, die Kindersterblichkeit auf 8 (Jungen) bzw. 7 (Mädchen) pro 1000 Lebendgeburten zu senken und die Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt auf 75 (Männer) und 80 (Frauen) Jahre zu steigern. Damit liegt Kuba hinsichtlich der Kindersterblichkeit hinter Kanada, aber noch vor den USA und Chile. Die Lebenserwartung ist nur in Kanada, den USA und Costa Rica höher als auf Kuba, gefolgt von 31 Ländern des amerikanischen Kontinents.
Die grüne Medizin

Durch den derzeitigen Mangel an Medikamenten auf Kuba scheint sich ein Trend zur naturheilkundlichen Medizin zu entwickeln. Naturheilmittel, die „Medicina verde“, scheinen hier die Lösung für einen landesweiten Versorgungsengpass bei Arzneimitteln zu sein. Dieser Trend ist vor allem dadurch entstanden, dass synthetische Arzneimittel Mangelware und oft nur auf dem Schwarzmarkt zu horrenden Preisen zu bekommen sind. Außerdem besteht seit 1992 das US-Handelsem-bargo für Medikamente, was den Mangelzustand noch verstärkt. Daraufhin versuchten die Verantwortlichen, die eigene Produktion von Arzneimitteln zu steigern. Ein Hauptproblem stellt dabei die fehlende Technik dar. Auch gibt es nur dürftige Kontrollen der Herstellung von Arzneimitteln.

Auf der Suche nach Ersatz besann sich die Regierung auf verschüttete Traditionen. Die Verwendung von Heilkräutern hat auf Kuba eine lange Geschichte. „Heilpflanzen-kenntnisse können bis auf die indianischen Ureinwohner zurückverfolgt werden“ (Imhof 2002: 32). Aber auch die Spanier, eingewanderte Chinesen und vor allen Dingen die afrikanischen Sklaven hatten großen Einfluss auf die traditionelle Heilpflanzenmedizin. 
Vor der Einführung der westlichen Medizin auf dem Lande und in den armen städtischen Gebieten waren diese Menschen völlig auf Heilpflanzen angewiesen. Die „Medicina verde“ besteht aus drei Säulen: zum einen hat sie Einfluss auf die staatliche Medizin; weiterhin beeinflusst sie die Anhänger der afrokubanischen Religionen. Und zuletzt stellen die Gärtner und Heilpflanzenverkäufer, die einerseits offiziell anerkannt sind, andererseits aber Religiosität und magische Pflanzen in ihre Arbeit mit einfließen lassen, eine dritte Säule dar (Imhof 2002: 56). Wir sprechen hier nicht von der Kommerzialisierung der „Medicina verde“, die sicherlich auch eine Tatsache ist.

Zurzeit stoßen sowohl westliche als auch östliche alternative Therapien auf Interesse und werden in Klini-ken erprobt und angewendet. Akupunktur, Homöopathie, Massagen, Bäder, Qigong, Bachblütentherapie, Hypnose, Chiropraktik, Ernährungsberatung, Phytotherapie usw. stellen einen zentralen Baustein in der kubanischen Gesundheitsversorgung dar. So werden zum Beispiel Parkinson mit Thai Chi, Verdauungsprobleme mit Akupunktur und Rheuma mit Schlammkuren behandelt. In unse-ren Breitengraden wiederum sind diese alternativen Heilmethoden bei den Schulmedizinern wissenschaftlich umstritten, geraten bei der Allgemeinbevölkerung aber zunehmend in Mode. Die Nachfrage nach der Naturheilkunde stellt zwar noch eine etwas luxuriöse Zusatzleistung dar, doch Kassen und Ärzte gewinnen immer mehr Interesse an der alternativen Medizin, da sie eine lukrative Einnahmequelle ist.

Innerhalb des Projekts der „Medicina verde“, in dem verschiedene Ministerien zusammenarbeiten und das als nationales Programm gilt, soll gewährleistet werden, dass so genannte Naturheilkunde-Apotheken wöchentlich mit Pflanzenextrakten, welche die herkömmlichen Arzneimittel teilweise ersetzen und ergänzen können, beliefert werden. Durch Aufweichung von Gewebe durch Flüssigkeit (Mazeration) können Inhaltsstoffe einheimischer Pflanzen gewonnen werden.

Zum Beispiel verwendet man gegen Eingeweide-Parasiten „Artemisia absinthii“ („hinojo“), „Bromelia penqun“ (vergleichbar der Ananas) gegen Nematoden und „Alluim sativum“ („ajo“) gegen Amöben und Pilze. Hilfreich bei Magengeschwüren und juveniler Akne ist „Sabila“ (Aloe). Knoblauch, Orangentinkturen und „Vimang“, ein Produkt aus der Rinde des Mango-Baums, sind wiederum für diverse andere Leiden gut. Sehr bekannt ist das Hustenmittel Imefasme Jarabe, ein Saft aus Aloe, Bananenblättern, Majagua-Blüten (Hibiskus-Blüten) und Zuckersirup. Der Hustensaft ist landesweit erhältlich und wird gerne bei Erkältung und Asthma benutzt. Gerne verwendet man auch Man-grovensaft gegen zuviel Magensäure, Tinkturen aus sauren Apfelsinen für den Kreislauf, Extrakte aus einer Kiefer gegen Hauptpilz und Extrakte der Passionsblume zum Einschlafen.

Der Vorteil der „grünen Medizin“ ist, dass sie nicht vom Weltmarkt abhängig ist, da ihre Rohstoffe auf Kuba selbst angebaut werden können. In jeder Provinz gibt es eine „Finca de plantas medicinales“, wo nach Absprache mit dem Gesundheitsministerium ungefähr 20 verschiedene Heilkräuter wie Pfeffer-minze, Oregano, Aloe Vera oder Zitronengras angebaut werden. Diese werden zu Fabriken transportiert, um dort entsprechend weiterverarbeitet zu werden.

Festzuhalten bleibt dennoch, dass die Wirkung der Pflanzen nicht immer wissenschaftlich zu belegen ist. Es stecken viel Folklore und Aberglauben dahinter. So gibt es Kubaner, die sich lieber von einem „santero“ oder einem „palero“, also einem Heilpraktiker behandeln lassen. Der „palero“ ist ein religiöser Heiler, der mit Hilfe angenommener Götter Genesung herbeiführen will. Der Patient erhält von dem Heiler ein Rezept, das er in einem „herbolario“ (Kräuterladen) einlösen kann. Da viele Medikamente aus Holz bestehen, kann man eine Verbindung zur afrikanischen Kultur erkennen. Es bleibt abzuwarten, ob eine Synthese oder Zusammenarbeit der westlichen Schulmedizin mit den alternativen Therapien möglich ist oder ob sich beide Richtungen getrennt voneinander weiter entwickeln.

Ausbildung zum Arzt

So werden zum Beispiel Parkinson mit Thai Chi, Verdauungsprobleme mit Akupunktur und Rheuma mit Schlammkuren behandelt. In unse-ren Breitengraden wiederum sind diese alternativen Heilmethoden bei den Schulmedizinern wissenschaftlich umstritten, geraten bei der Allgemeinbevölkerung aber zunehmend in Mode. Die Nachfrage nach der Naturheilkunde stellt zwar noch eine etwas luxuriöse Zusatzleistung dar, doch Kassen und Ärzte gewinnen immer mehr Interesse an der alternativen Medizin, da sie eine lukrative Einnahmequelle ist.

Innerhalb des Projekts der „Medicina verde“, in dem verschiedene Ministerien zusammenarbeiten und das als nationales Programm gilt, soll gewährleistet werden, dass so genannte Naturheilkunde-Apotheken wöchentlich mit Pflanzenextrakten, welche die herkömmlichen Arzneimittel teilweise ersetzen und ergänzen können, beliefert werden. Durch Aufweichung von Gewebe durch Flüssigkeit (Mazeration) können Inhaltsstoffe einheimischer Pflanzen gewonnen werden.

Zum Beispiel verwendet man gegen Eingeweide-Parasiten „Artemisia absinthii“ („hinojo“), „Bromelia penqun“ (vergleichbar der Ananas) gegen Nematoden und „Alluim sativum“ („ajo“) gegen Amöben und Pilze. Hilfreich bei Magengeschwüren und juveniler Akne ist „Sabila“ (Aloe). Knoblauch, Orangentinkturen und „Vimang“, ein Produkt aus der Rinde des Mango-Baums, sind wiederum für diverse andere Leiden gut. Sehr bekannt ist das Hustenmittel Imefasme Jarabe, ein Saft aus Aloe, Bananenblättern, Majagua-Blüten (Hibiskus-Blüten) und Zuckersirup. Der Hustensaft ist landesweit erhältlich und wird gerne bei Erkältung und Asthma benutzt. Gerne verwendet man auch Man-grovensaft gegen zuviel Magensäure, Tinkturen aus sauren Apfelsinen für den Kreislauf, Extrakte aus einer Kiefer gegen Hauptpilz und Extrakte der Passionsblume zum Einschlafen.

Der Vorteil der „grünen Medizin“ ist, dass sie nicht vom Weltmarkt abhängig ist, da ihre Rohstoffe auf Kuba selbst angebaut werden können. In jeder Provinz gibt es eine „Finca de plantas medicinales“, wo nach Absprache mit dem Gesundheitsministerium ungefähr 20 verschiedene Heilkräuter wie Pfeffer-minze, Oregano, Aloe Vera oder Zitronengras angebaut werden. Diese werden zu Fabriken transportiert, um dort entsprechend weiterverarbeitet zu werden.

Festzuhalten bleibt dennoch, dass die Wirkung der Pflanzen nicht immer wissenschaftlich zu belegen ist. Es stecken viel Folklore und Aberglauben dahinter. So gibt es Kubaner, die sich lieber von einem „santero“ oder einem „palero“, also einem Heilpraktiker behandeln lassen. Der „palero“ ist ein religiöser Heiler, der mit Hilfe angenommener Götter Genesung herbeiführen will. Der Patient erhält von dem Heiler ein Rezept, das er in einem „herbolario“ (Kräuterladen) einlösen kann. Da viele Medikamente aus Holz bestehen, kann man eine Verbindung zur afrikanischen Kultur erkennen. Es bleibt abzuwarten, ob eine Synthese oder Zusammenarbeit der westlichen Schulmedizin mit den alternativen Therapien möglich ist oder ob sich beide Richtungen getrennt voneinander weiter entwickeln.

Nicht nur der Zugang zum Gesundheitssystem ist für Kubaner kostenlos, sondern auch die medizinische Ausbildung. So gab es im Jahre 2004  28.071 Medizinstudenten auf Kuba, von denen 10.403 aus dem Ausland kamen. Den Studierenden werden eine sechsjährige Ausbildung, freie Unterkunft und Verpflegung, freier Zugang zu Büchern und ein kleines Taschengeld garantiert. Damit ist Kuba ein beliebtes Land für angehende Mediziner. Ferner unterstützt das Land Medizinische Fakultäten, z. B. in Gambia, Äquatorial-Guinea und Eritrea. 

Das Grundstudium ist ähnlich wie in Deutschland aufgebaut. Jedoch werden die Studierenden schon früher als in Deutschland in den praktischen Krankenhausalltag ein-gebunden und amortisieren so einen Teil der Ausbildungskosten. Im vierten Studienjahr nehmen sie vormittags an so genannten Rotationen in den verschiedenen Abteilungen teil. Im sechsten Studienjahr arbeiten sie wie in Deutschland ganztägig auf Station mit, wobei sie allerdings auch ein geringes Gehalt bekommen.

Viel Wert wird während des Studiums auf Grundlagenwissen gelegt, da die Ärzte sofort nach ihrer Ausbildung üblicherweise auf verschiedene Orte, besonders auf dem Land, aufgeteilt werden und dort meist die volle Verantwortung für die Patienten übernehmen. Infolgedessen wird eine flächendeckende Versorgung gewährleistet. Weil Kuba viele Ärzte ins Ausland geschickt hat, müssen die Studierenden teilweise schon während des letzten Studienjahres Aufgaben übernehmen, damit die Basisversorgung der Bevölkerung bestehen bleibt.

Seit 1984 wurde Kuba in Sektoren unterteilt, die von einem Familienarzt und möglichst einer Krankenschwester betreut werden. Ungefähr die Hälfte der Ärzte sind die so genannten „médicos familiales“, die jeweils bis zu 150 Familien versorgen. Der Arzt hat seine Wohnung und Praxis im gleichen Haus. 

Heute sterben die Kubaner an ähnlichen Erkrankungen wie die Menschen in den Industrienationen. Die hauptsächlichen Todesursachen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Der HI-Virus fordert zwar noch nicht so viele Opfer wie in anderen Ländern, jedoch haben sich die HIV-Infektionszahlen, besonders aufgrund von Massentourismus und Prostitution erhöht.

Der Doktortitel wird den kubanischen Ärzten nach dem Studium auch ohne Promotion verliehen. Für kubanische Verhältnisse erhalten die Ärzte je nach Spezialisierung ein gutes Gehalt, meistens ungefähr 350 Pesos, was etwa 15 US-Dollar entspricht. Trotzdem müssen sich viele von ihnen durch Nebeneinkünfte, zum Beispiel als Taxifahrer oder Kellner absichern, um die alltäglichen Kosten bezahlen zu können. Da der Staat ihre Ausbildung bezahlt, gibt es auch viele Probleme für Ärzte und Ärztinnen bei Heirat mit Ausländern und geplantem Umzug ins Ausland.

Gesundheitstourismus

Trotz der erwähnten Errungenschaften verarmte das kubanische Gesundheitssystem zunehmend. Es gibt zwar gut ausgestattete Krankenhäuser, doch diese werden von Touristen aus dem Ausland genutzt, die ihren Strandurlaub nebenher nutzen, um sich zu günstigen Preisen behandeln zu lassen. Organisiert wird der Gesundheitstourismus von der staatlichen Agentur Servimed, welche einen ähnlichen medizinischen Standard wie in den USA oder Europa anbietet.

Inzwischen gehören 37 Kliniken und Kureinrichtungen zu Servimed, unter anderem das Hospital „Hermanos Ameijeiras“ (siehe Foto Seite 1), das auf Herzoperationen spezialisiert ist, die ehemalige Diplomatenklinik „Clínica Central Ciro García“, die neurologische Behandlungen und Schönheitsoperationen durchführt und deren Zimmer sogar über Internetzugang und Satellitenfernsehen verfügen. Auch die Augenklinik „Camilo Cienfuegos“ wird von Servimed verwaltet, die berühmt geworden ist als die weltweit einzige Klinik zur  Behandlung der Retinopathia pigmentosa, einer erb lichen, degenerativen Erkrankung der Netzhautgefäße und des Sehnervs mit Absterben nervaler Strukturen, die zu progressiver Erblindung führt (Henkel 2001: 350).

Ferner spezialisierte man sich in Kuba auf die Behandlung von Vitiligo, einer Erkrankung, bei der es zu großen weißen Flecken auf der Haut kommt, die durch den Untergang von Melanozyten, als Pigment bildenden Zellen, bedingt ist. Weiterhin wird die Thalassotherapie angewandt, d. h. die Nutzung der an Meeresküsten vorkommenden Reize wie Strahlung, Aerosol, Sole, Brandung und Allergenfreiheit zur kurativen Behandlung.

Obwohl die Kosten für eine Therapie auf Kuba um die Hälfte niedriger sind als in Europa oder in Nordamerika, verdient Servimed viele Millionen Dollar an ausländischen Patienten. Beliebt sind bei den Touristen vor allem Schönheitsoperationen wie Brustvergrößerung, Nasenkorrekturen, Fettabsaugung, aber auch Drogenentziehungskuren, Allergiebehandlung, Behandlung von Haut-, Nerven- und Augenkrankheiten, die Behandlung mit Heilbädern und die Therapie psychischer Erkrankungen (Depressionen usw.). Stars wie Diego Maradona ließen auf Kuba ihre Kokainsucht therapieren, aber auch andere berühmte Persönlichkeiten wie der ehemalige peruanische Staatschef Velazco Alvarado oder Daniel Ortega aus Nicaragua profitierten von dem medizinischen Wissen kubanischer Ärzte. Das bedeutet gleichzeitig auch Werbung für die kubanische Medizin und lockt weitere Patienten an.

Aus der Behandlung von Ausländern hat sich ein ganzer Wirtschaftszweig gebildet. Ein weiterer Profiteur des Gesundheitstourismus ist die staatliche Organisation „Cubanacán Turismo y Salud“. Die Organisation beobachtet den Gesundheitstourismus der Konkurrenz in Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien und Thailand, wo Europäer unter anderem ihre Augen versorgen oder Zähne sanieren lassen. Zwar haben diese Länder wegen der niedrigeren Anreisekosten einen Vorteil, doch das kubanische staatliche Unternehmen lässt sich inhaltlich von der Erfahrung dieser Länder inspirieren. In Madrid ist bereits eine Lokalvertretung von „Turismo y Salud“ eröffnet worden. In Deutschland plant man auch die Eröffnung eines Büros, um Kundschaft anzuwerben. Das Angebot mit den entsprechenden Preisen kann in Listen eingesehen werden.

Das von Servimed und „Cubanacán Turismo y Salud“ erwirtschaftete Geld fließt zwar in das öffentliche Gesundheitssystem zurück, um die Krankenhäuser für die kubanische Bevölkerung zu finanzieren, doch der Gesundheitstourismus führt zu dem Problem der sozialen Ungleichheit und das ausgerechnet in einem kommunistischen System, in dem es keine Zwei-Klassen-Ge-sellschaft geben sollte. Wo es Ausländern möglich ist, Zugang zu den neuesten Therapien und  Medikamenten zu bekommen, muss sich der durchschnittliche Kubaner mit der Grundversorgung und langen Wartezeiten bei schwierigen Operationen zufrieden geben. 

Antibiotika können, wenn überhaupt, nur auf dem Schwarzmarkt besorgt werden. Oft müssen sich Angehörige um saubere Bettwäsche und Lebensmittel kümmern. Andererseits soll es so sein, dass die Gäste aus dem Ausland mit harten Dollars weite Teile des Gesundheitssystems auf Kuba finanzieren. Diese Zweckgebundenheit ist der breiten Masse der Bevölkerung leider nur schwer vermittelbar.

Literaturhinweise

Cabrera, Lydia: El monte. La Habana 1989 (die Bibel der „Medicina verde“).
Ette, Ottmar / Franzbach, Martin (Hrsgg.): Kuba heute. Politik, Wirtschaft, Kultur. Frankfurt a. M. 2001.
Henkel, Knut: Hightech made in Cuba - ein Hoffnungsschimmer für die krisengeplagte Wirtschaft. In: Ette, Ottmar / Franzbach, Martin (Hrsgg.): Kuba heute. Politik, Wirtschaft, Kultur. Frankfurt a. M. 2001, S. 349-370.
Hoffmann, Bert: Kuba. München 2000.
Imhof, Christoph: Von Alkaloid zu Osaín: Die Medicina verde in Kuba im Kontext von Staat und Gesellschaft - Eine Spurensuche in Havanna.
Hamburg 2002.
Krause-Fuchs, Monika: Monika y la Revolución. Una mirada singular sobre la historia reciente de Cuba. Tenerife 2002 (von der führenden Vertreterin der Sexualerziehung auf Kuba). Besprochen im Cuba Journal 2002/ 2003, S. 8.
Wenkel, Jens: Medicina cubana. Zeitreise durch die Sechzigerjahre. In: Deutsches Ärzteblatt (Köln), Jg. 98, Heft 16 (20. April 2001) S. 831-833

                                                                                                                      Danke!
Die AutorInnen dieser Ausgabe sind jeweils bei den Beiträgen vermerkt. Die Fotos stammen von google Earth (Seite 1), Bettina Hoyer (4,16,22), Klaus Commer (13), Gabriela Schünke (19), Gudrun Ley (18,21). Drei Karikaturen steuerte  Rainer Hachfeld bei. Die Bilder auf Seite 23 und 24 sind mit den Namen der Künstler  



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Meine Poliklinik

r Reyner Valdés Zamora
(Havanna)

Meine Poliklinik wurde in jüngster Zeit völlig modernisiert und erweitert. Sie erreichte ein so hohes technisches Niveau, dass sie sich sogar in ein Lehrzentrum für einheimische und ausländische Schüler verwandelte, die dort lernen und praktizieren. Die umfangreiche und lange erhoffte Renovierung umfasst Röntgenstrahlen, Ultraschall, Kliniklabor, Stomatologie, Wachdienst, neue Einrichtungen, Toiletten und öffentliche Trinkanlagen im Paket.

Als sich am Tag der Wiedereröffnung wie bei einer Uraufführung der Vorhang hob, funktionierte alles wundervoll. Niemand und nichts ging zur vorgesehenen Stunde schief: weder fehlte das kalte Trinkwasser noch fehlten die sanitären Anlagen. Ihre Tore öffneten sich mit fast deutscher Pünktlichkeit. Das Labor erhielt täglich flüssige oder feste Proben und führte Blutanalysen durch. Die Abteilung für Röntgenstrahlen konnte mit jedem Fotolabor für schnelle Auslieferung mithalten. Der Zahnarzt plombierte ständig, zog schadhafte Zähne oder reinigte das Gebiss.

Schon bei Sonnenaufgang erfrischten sich die Menschen in der Trinkanlage. Man brauchte nie zu stehen, denn es gab genügend Stühle, um die Zeit verstreichen zu lassen. Das alles funktionierte nicht wie ein Schweizer Uhrwerk, aber die unvorhergesehenen Unterbrechungen lie-ßen sich ertragen. Mit der Zeit wurde meine Poliklinik zu einer echt medizinischen Potenz. Die Primärversorgung war für die Bewohner des Stadtviertels garantiert.

Aber das Glück des Armen verschwand schneller als ein Kuchen vor der Tür eines Kindergartens. So litt auch meine Poliklinik mit der Zeit an ständigen Verspätungen, Brüchen und Ausfällen. Das lag nicht an der Zeit, sondern an menschlichen Unzulänglichkeiten. Schließlich fiel alles ins Leere, und im alltäglichen Einerlei erreichte die Poliklinik wieder ihren Zustand vor der Modernisierung. Wegen fehlender Fürsorge, Sorg- und Disziplinlosigkeit kehrten alle vorherigen Schlampereien wieder ein.

Die Tore öffneten nicht pünktlich, und drinnen begannen die Qualen für die Patienten. Ich will nicht wie ein Papagei die Klagen wiederholen, aber ich habe genügend eigene und fremde Erfahrungen. Sie beginnen mit der Abwesenheit von Ärzten ohne Angabe von Gründen. Traurig kehrt man nach Hause zurück und wartet auf eine andere Gelegenheit. So lammfromm und geduldig man auch wartet, so wächst allmählich doch die Wut, wenn für eine Röntgen- oder Ultraschalluntersuchung nicht der Techniker kam, die Ausrüstung ausfiel oder es keine Platten gab. Mit leerem Magen seit dem Vorabend einzutreffen, löst unter diesen Umständen Frustrationen bei den Patienten aus.

Haben Sie Bluthochdruck, steigt der Puls. Man verschreibt Ihnen ein Elektrokardiogramm, aber man kann vom Instrument nicht ablesen. Außerdem ist der Wachdienst zu so früher Stunde noch nicht anwesend. So bleibt nur der Gang zum nächsten Krankenhaus. Kommt man wegen einer Blutuntersuchung oder wegen Abgabe von Exkrementproben, trifft man auf die verschlossene Labortür.

Bringt man einen Durchschlag, ist der Techniker nicht da. Schlimmer noch ist das Fehlen von chemischen Reagenzgläsern. Ich habe gesehen, wie wütende Patienten die Fläschchen in den erstbesten Korb warfen. Das Gesicht meiner Frau gewinnt einen tragischen Ausdruck, wenn sie daran denkt.

Wenn man den Zahnarzt meiner Poliklinik aufsucht, bekommt man schon von vornherein Zahnschmerzen. Die Pflege unserer Zähne verursacht schon wegen der zu erwartenden Hindernisse physische Ängste. Gibt es einen Zahnarzt, fehlen die Handschuhe. Sind diese da, gibt es kein Amalgam. Gibt es dieses, fehlen sterilisierte Instrumente. Sind alle diese Dinge vorhanden, hat der Behandlungsstuhl wegen Alterschwäche seinen Geist aufgegeben.

Es gibt Situationen schwarzen Humors, wenn es unmöglich ist, den Zahn zu plombieren und eine Krone aufzusetzen, was fast immer den Geldbeutel übersteigt. So bleibt der Zahn ohne Plombe und Krone. Und wie steht es um die Prothese? Als wenn man Teile eines prähistorischen menschlichen Fossils einsetzen will, wenn man überhaupt auf der Warteliste der Poliklinik eine Chance dazu erhält.

Bei guten Bedingungen für die Arbeitnehmer müssten sich alle Ziele erreichen lassen. Wenn man denn an die Reihe kommt, ist schon jede Geduld erschöpft. Die Zahl der Stühle hat abgenommen, so dass man im Stehen warten muss. Wenn man den Durst stillen will, hält man vergeblich nach den Trinkanlagen Ausschau.

Verschlossene Rohre und defekte Kompressoren stimmen melancholisch. In den Toiletten gab es einmal Waschbecken und einen Wassertank. Weshalb werden sie nicht ersetzt?

Ich schließe diese unvollständige Schilderung mit der fehlenden Elektrizität, sporadischem und überraschendem Ausbleiben von Wasser, was Poliklinik und Patienten lähmt. Das sind elementare Dinge, aber wenn keine Ausrüstung funktioniert, kann man auch nicht an Hygiene denken. So beende ich diesen Bericht voll Fatalismus, weil ich glaube, dass auch meine Poliklinik den allgemeinen Zustand dieser Stadt widerspiegelt.


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Nordamerikanische Akademikerin enttarnt
Mythen des kubanischen Gesundheitssystems

Katherine Hirschfeld lebte neun Monate auf der Insel und bekam das Dengue-Fieber. Im Jahre 2006 veröffentlichte sie ein Buch, das heftige Polemiken in den USA hervorrief, zumal es den Thesen des nordamerikanischen Dokumentarfilmers Michael Moore („Sicko“) zum Vergleich der Gesundheitssysteme zwischen Kuba und den USA widersprach.

Als die nordamerikanische Studentin Katherine Hirschfeld in Kuba am Dengue-Fieber erkrankte, begannen alle ihre Vorstellungen über das Gesundheitssystem auf der Insel wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen. Hirschfeld lebte auf Kuba neun Monate lang zwischen 1996 und 1997 als Teil ihres Doktorandenstudiums in Anthropologie. Im Jahre 2006 veröffentlichte sie das Buch Health, politics and Revolution  in Cuba since 1898. Darin analysiert sie den Einfluss der USA auf das kubanische Gesundheitswesen seit 1898 bis an die Schwelle der Revolution. Gleichzeitig aber spricht sie auch von ihren Erfahrungen als Dengue-Patientin in den neunziger Jahren.

Hirschfeld, gegenwärtig Assistenzprofessorin für Anthropologie an der Universität Oklahoma, vertrat in einem Vortrag am 10. Januar 2008 in der Casa Bacardí an der Universität Miami die folgende Meinung: „Viele Menschen projizieren in Kuba ihre Hoffnungen und Vorstellungen über ein gutes Gesundheitssystem. Das bildet Teil des Mythenphänomens. Kuba ist ein großer weißer Fleck für die Forscher in den USA. Die meisten berufen sich auf offizielle Statistiken der kubanischen Regierung, die in medizinischen Fachzeitschriften erscheinen und nicht in Frage gestellt werden. Fast niemand reist dorthin und wenn ja, dann nur für kurze Zeit, um sich meist auf Englisch in offiziellen Institutionen zu informieren.“

Als Opfer einer „geheimen Epidemie“ lebte Hirschfeld ein dreiviertel Jahr bei einer Familie in Santiago de Cuba. Obwohl es dort Gerüchte über eine Dengue-Epidemie gab, verweigerten die Familienärzte ihr jede Auskunft, bis sie selbst die Krankheit bekam. „Die ersten Krankenschwestern, die mich sahen, wollten mir keine Diagnose geben. Das erschien mir schon suspekt. Als ich sie fragte, ob es das Dengue-Fieber sei, sagten sie, sie würden mich in ein Krankenhaus bringen. Als ich mich weigerte, merkte ich, dass es diese Option schon nicht mehr gab.“

Die Ambulanz traf nie ein, und ein Nachbar musste sie in die Ausländerklinik von Santiago de Cuba bringen. „Als ich dort ankam, schauten sich die Ärzte einen Film im Fernsehen an. Erst danach untersuchten sie mich und entschieden, dass sie nicht die geeigneten Mittel zur Behandlung hatten, so dass sie mich an ein anderes öffentliches Krankenhaus für Kubaner verwiesen.“

Hirschfeld kam in einen Saal mit 20 Dengue-Kranken, und zu ihrer Überraschung sah sie eine bewaffnete Wache am Eingang. Während ihres mehrtägigen Aufenthalts in dem Krankenhaus erhielt sie keine Arztvisite, sondern man machte nur eine Ultraschall-Untersuchung und nahm eine Blutprobe. Glücklicherweise klang der Virus nach einer Zeit ab.

„Das Krankenhaus hatte keine geeigneten sanitären Einrichtungen. Das Dengue-Fieber wird von einem Moskito übertragen. Es gab keine Klimaanlage, und die Fenster standen Tag und Nacht offen (...) Wenn es schlechte Behandlung gibt, wagen die Menschen nicht zu protestieren. Dieses Dengue-Fieber wurde von dem Doktor Dessy Mendoza an internationale Organisationen weitergemeldet, und er wurde deshalb inhaftiert, weil die Krankheit im Sinne des ausländischen Tourismus geheim gehalten werden sollte. Mendoza wurde wegen Verbreitung von Feindpropaganda zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Nach 1 1/2 Jahren wurde er ins Ausland abgeschoben.

r Bericht nach
Encuentro en la Red,
Madrid 12.1.2008

Solidarität

Unter dem Namen Cubafair haben sich Studierende, Ärzte und Wissenschaftler an der Humboldt-U-niversität in Berlin zusammengeschlossen, um einen Medikamenten-  und Medizingütertransfer sowie einen Austausch von Studierenden mit der Universität von Havanna zu koordinieren. Kontakt (Information, Mitarbeit, Spende): Jens Wenkel und Rainer Mohnhaupt. E-Mail: cubafair@gmx.de oder cubafair@ charite.de

Humanitäre
Cuba  Hilfe e.V.

Seit zwölf Jahren sammeln Dr. med. Klaus U. Piel und seine Mitarbeiter medizinische und humanitäre Hilfsgüter für Kuba und Afrika. Mit Hilfe der GTZ kamen in den letzten Jahren mehrere Container für Krankenhäuser in Havanna, Holguín, Pinar del Río und Guisa zusammen, u. a. Betten, Dialyse- und Ultraschallgeräte mit Zubehör, OP-Tische und Leuchten, Kittel, Gehstöcke, Rollstühle, Mikroskope, Fahrräder, Bürobedarf, kurzum alles, was im medizinischen Bereich, vor allem nach den verheerenden Hurrikanen, von Nutzen ist.

Da es seit 2002 für Kuba in Deutschland und in der EU keine öffentlichen Gelder mehr für humanitäre Hilfe gibt, ist die Gesellschaft vermehrt auf Spenden angewiesen. Wer Näheres über die Arbeit der HCH erfahren möchte, wende sich an dr.piel@t-online.de

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Was hat sich
auf Kuba 
verändert? 





r Emilio Hernández

Wer in diesen  Ausführungen eine Liste der Veränderungen seit Abgabe der Macht Fidel Castros wegen seiner dringenden chirurgischen Operation erwartet, wird enttäuscht sein. Darüber gibt es reichlich viel Material in der Presse1/, die alle Wünsche erfüllt. Im Folgenden will ich die Veränderungen in den Machtstrukturen, die neuen Führungsstile und die „Wandelwirkungen“ auf die kubanische Bevölkerung aufzeigen. 

Obwohl man in der Verlautbarung Fidel Castros2) vom 31. Juli 2006 die Vorläufigkeit der Machtübergabe bemerkte, fand die erwartete Genesung nach dem chirurgischen Eingriff nicht statt. Daher wählte die Nationalversammlung des Poder Popular am 24. Februar 2008 den General Raúl Castro als Präsidenten des Staats- und des Ministerrats nach der endgültigen Aufgabe dieser Ämter durch den kranken ehemaligen Mandatsträger. In diesem ganzen Zeitraum hörte die charismatische Regierung auf zu funktionieren.

Das Charisma als Regierungsform drückt sich nicht nur in der Macht der Kommunikation zwischen einer Figur und der Gesellschaft aus, sondern es beruht auch auf historischen Tatsachen, welche dieser Figur eine unbestrittene Macht verleihen. Das verstärkt sich durch alltägliche Handlungen, die manchmal jeder Logik entbehren aber eine absolute persönliche Macht zeigen. Im gleichen Sinn wirken die Führung und Entscheidungen jenseits von Institutionen sowie die Übergabe einer größeren Machtbefugnis an Personen außerhalb der Hierarchiefolge nur, weil der Líder ihre Begleitung vorzieht. 

Das erste Indiz für das Ende der charismatischen Regierung ist die Tatsache, dass die in der Verlautbarung priorisierten Projekte in Wirklichkeit gar keinen Vorrang haben und dass nicht alle dort erwähnten Personen die reklamierte geforderte Macht hatten. Carlos Manuel Valenciaga, der Sekretär der Unterstützungsgruppe für den Comandante (GAC), verlas seine Verlautbarung in den Fernsehnachrichten und unterstrich damit den Machtradius dieser Institution. 

Die Unterstützungsgruppe stellte tatsächlich eine zweite, um nicht zu sagen: erste Regierung in den letzten Jahren dar. Ihre Machtbeteiligung stand über den Strukturen der Minister und der Kommunistischen Partei Kubas. 

Die Mitglieder dieser Einrichtung stammten aus den Führungskreisen der Universität. Deshalb sind sie unter dem Namen der „kubanischen Talibane“ bekannt.

Einige von ihnen nahmen danach wichtige Posten in der Regierung und in politischen Organisationen wahr. Trotz ihrer Jugend zeigten diese Talibane kein reformistisches Profil. Sie entbehren jeder heroischen Geschichte oder volkstümlicher Akzeptanz und trinken aus der Quelle der absoluten Macht, von der sie sich nicht trennen wollen. Ohne einen eigenen Diskurs - der auf Kuba nie erlaubt wäre - wiederholen sie Parolen und zeigen sich als die besten Interpreten des Máximo Líder.

Gegenwärtig hört die Unterstützungsgruppe auf zu existieren. Ihre Funktionen sind wieder dem Sekretariat der Kommunistischen Partei zugefallen. Die Jugendorganisationen, als wichtigste Bastionen der Talibane, wurden im vergangenen September erschüttert. Auf einer Sitzung des Nationalbüros des Kommunistischen Jugendverbands (UJC) wurden die folgenden politischen Köpfe ersetzt: Hassan Pérez von seinem Amt als zweiter Sekretär des Kommunistischen Jugendverbands entbunden. Die Zeitung Juventud Rebelde3) kommentierte diese Nachricht folgendermaßen: „Man ist der Meinung, dass der Compañero Hassan Pérez Casabona sein Arbeitsleben als Dozent an einer Armeeuniversität anfangen soll.“

Die Teilnehmer an diesem Treffen stimmten auch darin überein, dass Hilder Torres Escalona als Organisator des Kommunistischen Jugendverbands seinen aktiven Militärdienst erfüllen solle. In derselben Sitzung stellt man die Präsidentin der Pionierorganisation frei, die diesen Posten seit acht Jahren innehatte. Aus der Gruppe der Talibane werden in der Presse weiterhin der Außenminister Felipe Pérez und der Sekretär des Exekutivkomitees des Ministerrats Carlos Lage Dávila erwähnt. Aber entgegen allen Erwartungen erhielten beide Führer keines der Ämter im Prozess der Machtübergabe. Übrigens sind sie die einzigen, die Hugo Chávez in Caracas als zweiten Präsidenten Kubas ausriefen.

Seit dem 26. Juli 2006 wurde der Comandante en Jefe nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Sein einziges Kommunikationsmittel mit der Bevölkerung sind die „Betrachtungen“, die er verfasst und dann durch Presse, Funk und Fernsehen verbreitet. Die persönliche Abwesenheit des Líder hat sein Charisma im Volke geschmälert. Einen Beweis dafür konnte man auf dem Kongress des kubanischen Schriftsteller- und Künstlerverbands sehen. Dort wurde ein Schreiben des Máximo Líder verlesen, das den der Kongress zur Wachsamkeit gegenüber den Gefahren des Internets aufrief.

Obwohl die Teilnehmer des Kongresses das Verlesen des Briefes begeistert aufnahmen, stellte eine der Resolutionen gerade die Bedeutung des Internet und die Notwendigkeit des Zugangs zu ihm heraus. Auf demselben Kongress wurde die Erziehungspolitik in Frage gestellt. Gerade sie gehörte bisher aber zu den „Errungenschaften der Revolution“. Außerdem distanzierte man sich von der Behandlung, die ausreisewilligen Kubanern zuteil wird.

Ein anderer Spitzensektor, das auf dem Familienarzt basierende Gesundheitssystem, ist umgewandelt worden, weil es sich - wegen der hohen Zahl von im Ausland tätigen Ärzten - nicht mehr aufrechterhalten ließ. Die von Castro propagierte Schlacht der Ideen mit ständigen Demonstrationen und nicht enden wollenden Runden Tischen, welche die Bevölkerung mit Stoizismus und voll Wut ertragen musste, ist beträchtlich reduziert worden.

Um die charismatische Lücke der Regierung auszufüllen, nahm der General Raúl Castro in den ersten Monaten seiner provisorischen Regierung zu historischen Leitfiguren Zuflucht. So traten bei wichtigen Veranstaltungen und Aktivitäten die drei Comandantes der Revolution auf: Juan Almeida, Ramiro Valdés und Guillermo García. Als einige Monate vergangen waren, traten Parteiorganisationen in den Vordergrund. Im Sekretariat und Politbüro der Kommunistischen Partei Kubas wiederholten sich die Sitzungen regelmäßig. Auch der Ministerrat begann periodisch zu tagen. So entwickelte sich eine Regierung mit institutionellem Charakter.

Die Institutionalisierung der neuen Regierung wurde am 24. Februar 2008 durch einen erneuerten Staatsrat verstärkt. Dieser besteht zu guten Teilen aus neuen oder ehemaligen Mitgliedern der Streitkräfte (35 %). Diese Machtkonzentration wird noch deutlicher bei der neuen Zusammensetzung des Politbüros der Kommunistischen Partei Kubas, in welchem dreiviertel der Mitglieder aus der Armee stammen. Andererseits leiten castrotreue Offiziere gegenwärtig bedeutende Unternehmen, die den Löwenanteil an Devisen für die Insel erwirtschaften. Augenscheinlich beruht die Institutionalisierung auf der größtmöglichen

Treue gegenüber dem neuen Präsidenten.

Zum Jahresende 2008 ist eine Neugliederung der Ministerien angekündigt und Ende 2009 ein Kongress der Kommunistischen Partei Kubas. Durch diese Ereignisse wird die institutionalisierte Führungsweise bestätigt.

Das Ende der charismatischen Regierung heißt nicht, dass Fidel Castro entmachtet ist. Als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei hat er nicht auf sein Amt verzichtet. Seine Freundschaft und enge Beziehung zu Hugo Chávez, dem Präsidenten Venezuelas, ist unbestritten. Venezuela ist durch seine Erdöllieferungen und Subventionen ein überaus wichtiger Faktor für die kubanische Wirtschaft. Der Máximo Líder bleibt in der kubanischen Gegenwart durch seine „Betrachtungen“ präsent. Die ersten behandelten Themen jenseits der kubanischen Aktualität. Aber in diesem Jahr haben sie einen kritischen Tonfall bezüglich der Maßnahmen oder Ankündigungen der Regierung angeschlagen.

Nach Meinung vieler Beobachter geht die Mitte 2008 einsetzende Lähmung der von General Raúl Castro bereits begonnenen oder angekündigten Veränderungen auf Kritiken des „compañero Fidel“ zurück. Diese Vermutung erhärtete sich durch die Ereignisse im Monat August 2008, als zwei Hurrikane das Land heimsuchten. Seit dem ersten Zyklon „Gustav“ regnete es „Betrachtungen“. Sie listeten die Verwüstungen und die Verluste auf, schätzten die notwendige Hilfe ab und bestärkten die ablehnende Haltung, Hilfsleistungen durch die 24 Staaten der Europäischen Union und durch die Vereinigten Staaten anzunehmen. Die „Betrachtungen“ diktierten die Regeln zur Preiskontrolle, kurzum, sie griffen in die Regierung ein.

Die Abwesenheit von General Raúl Castro während der ersten 17 Tage nach Beginn der Hurrikane schien den Beweis für sein Missbehagen gegenüber dieser Einmischung zu liefern; oder aber Raúl Castro überließ das Krisenmanagement dem „Großen Bruder“. Die neuen einschränkenden Maßnahmen, den Bauernmärkten Preise zu oktroyieren, haben die mangelnde Versorgung dieses Markts hervorgerufen. Die Hetzjagd der Polizei auf Menschen, die auf den Straßen der Stadt und des Landes Lebensmittel transportierten, erinnerten an die „besten“ Zeiten des Fidelismus.

Der breiten Bevölkerung sind Stil und Arbeitweise der Regierung gleichgültig. Sie verlangt besonders in Krisenzeiten nach einer Lösung ihrer Probleme.  Das Volk, das sich nach der Ankündigung von Gesetzesänderungen durch den General in seinen Hoffnungen betrogen sah, begann seinen Zorn ohne Furcht vor Repressalien zu äußern. Vielleicht können wir die besten Beispiele für diese Frustration bei dem jungen Kommunisten Eliécer Ávila4)  finden. Dieser stellte vor Ricardo Alarcón, dem Präsidenten der Nationalversammlung,das Wahlsystem, die fehlende Bewegungs- und Informationsfreiheit und andere Dinge in Frage.

Pedro Campos5), ein aktiver Kommunist, hat zusammen mit anderen ein Dokument unterzeichnet, wonach der Sozialismus das Individuum über den Staat stellen sollte. Campos kritisiert scharf die fehlenden wirtschaftlichen und bürgerlichen Freiheiten. Diese Beispiele kommen aus den eigenen Reihen der Revolution.

Eine institutionalisierte Regierung kann sich  nicht den Luxus erlauben, auf Spatzen zu schießen, Zwergkühe zu erfinden oder Butter in Kanonen zu verwandeln. Sie muss für die Bevölkerung vorteilhafte und substantielle Veränderungen durchführen, um die notwendige Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen. Wenn diese Veränderungen aufgrund von verantwortungslosen Eingriffen nicht eintreten, versinken alle Handlungen in einem Sumpf. Die einzige Lösung, die man dann befolgen kann, ist, so schnell wie möglich aus dem Morast herauszukommen.

Quellen

1) Hernández, Emilio, „Die hundert Tage des Generals“ und „Der Marsch des Generals“.  decub.de
2) Castro, Fidel „Proclama del Comandante en Jefe Fidel Castro al pueblo de Cuba“. ain.cu
3) “Preside José Ramón Machado Ventura reunión del Buró Nacional de la UJC“. juventudrebelde.cu
4) Mendez Castelló „Habla Eliécer Ávila“. cubaencuentro.com
5) Campos, Pedro „Cuba necesita un socialismo participativo y democrático. Propuestas programáticas“. Kaosenlared.net - Yáñez, Eugenio; Benemelis, Juan; Arencibia, Antonio „Dos años de Raúl Castro: Entre las Reflexiones y las Realidades“. cubanalisis.com

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Armani-Hemden,   
 
MP4-Player, Computer
            ohne Internetanschluss…

„Am 
wichtigsten ist,
dass man Geld hat“

r Interview mit dem unabhängigen Journalisten Reinaldo Escobar, 
geführt von Bettina Hoyer
im Mai 2008.

Was hat sich am Alltagsleben in den letzten fünf Jahren am stärksten verändert? 

Ich denke, dass vielleicht die größte Veränderung die ist, dass Fidel Castro nicht mehr der Präsident Kubas ist. Das ist eine Veränderung, die, obwohl sie auf einer viel höheren Ebene anzusiedeln ist, das alltägliche Leben der Menschen sehr stark beeinflusst. Immerhin werden jetzt die Fernsehsendungen nicht mehr dauernd unterbrochen. Die Menschen können in Ruhe die Telenovela sehen. Zu der Zeit, für die sie angekündigt ist. Das ist wichtig für die Leute. Ein anderer, wichtiger Punkt ist die zugespitzte Versorgungslage, die in diesem Zeitraum entstanden ist, vor allem in den letzten beiden Jahren. Die Leute können immer weniger Dinge bekommen. 

Welche Ereignisse haben deiner Meinung nach in diesem Zeitraum Spuren in der Psyche des kubanischen Volkes hinterlassen?

Das, was sich in der kubanischen Psyche eingegraben hat, lässt sich am ehesten mit zwei Begriffen beschreiben: Frustration und Hoffnungslosigkeit. Das heißt, dass die Leute das Gefühl verloren haben, dass die schwierige Situation des Landes überhaupt lösbar ist. Ich glaube, dass das Schlimmste an den Problemen Kubas nicht deren Qualität als etwas Problematisches als solches ist, sondern die geringe Aussicht auf deren Lösung. Die Menschen haben überhaupt kein Vertrauen mehr darauf, dass die Regierung einen harmonischen Weg finden könnte, die Dinge zu lösen, ohne dass damit gleichzeitig ein gewaltsamer, schrecklicher, sozialer Wandel einherginge, traumatisch und folgenschwer. 

Ist es noch so, dass aller Reichtum in Kuba nichts nützt, wenn man nicht ins politische System eingebunden ist, weil Denunziation – mit dem Argument, dass man kein revolu­tionäres Leben führe – zum Verlust des Eigentums führen kann?

Das Problem besteht nicht darin, eine solide politische Position zu vertreten, sondern darin keine gefährliche politische Position zu vertreten. Man kann sich durchaus den Luxus leisten, nicht zu Demonstrationen auf dem Platz der Revolution zu erscheinen, kein Schildchen im eigenen Haus zu haben, auf dem zu lesen ist „Freiheit für die fünf Gefangenen des Imperiums!" etc. Es ist nicht so sehr wichtig, als politisch korrekter Sympathisant der Regierung dazustehen. Nur als Feind der Regierung darf man auf keinen Fall erscheinen, das ist dann etwas völlig anderes. Um heute hier zu leben, zu verreisen, genug zu Essen zu haben usw. ist es am wichtigsten, dass man Geld hat. Mit jedem Tag, der ins Land geht, erhält man das, was früher direkt durch Privilegien erhältlich war, eher durch Geld. Das begann bereits in den neunziger Jahren, als das System zur Vergabe von Elektrogeräten zu existieren aufhörte: Man erhielt diese vorher für hervorragende Arbeitsleistungen usw. Jetzt kaufen Kubaner die Fernseher, Radios und CD-Player in den Geschäften für CUC nicht mehr mit verdienstvollen Leistungen, sondern mit Geld, dass sie als Trinkgeld erhielten, den Touristen abgenommen haben oder aus Miami bekommen. 

Wohin geht die Orientierung in Sachen Konsum und materielle Güter? Wo sind die Vorbilder zu lokalisieren? Die USA? Blickt man auch nach Lateinamerika?

Meiner Meinung nach bleiben die Vereinigten Staaten das Vorbild. Dessen bin ich mir sogar ziemlich sicher. Der American Way of Life ist für viele Menschen hier weiterhin das Sinnbild  eines guten Lebens. Und da die meisten Menschen in anderen Staaten Lateinamerikas, ob beispielsweise in Mexiko oder Argentinien, auch diesem Traum nachhängen, macht ein Blick nach Lateinamerika nicht wirklich einen Unterschied. 

Wie ist es dann um Statussymbole bestellt? Was sind à la „Como so-mos los cubanos“ heute die typischen Statussymbole?

Das heutige Statussymbol ist vor allem Markenkleidung – besonders bei Jugendlichen. Und natürlich auch kleine elektronische Geräte wie MP3- und MP4-Player und Mobiltelefone. Die sind absolut topp. Ein Mann Mitte zwanzig, mit Markenschuhen und Markenkleidung, der ein Mobiltelefon an der Hüfte trägt, stellt offensichtlich sehr stark einen hohen Status zur Schau. Es kann allerdings sein, dass er zu Hause nicht mal einen eigenen Platz zum Schlafen hat. Deshalb sind wir wohl umso exhibitionistischer. 

Ich bin immer wieder beeindruckt von der Vielfalt der kubanischen Gesellschaft. Was sind das für Jugendliche, die im Club Imágenes Armani, Versace und Boss tragen und mich auf ihre Finca einladen? 

Nun, das sind die „Hijos de papá“. Man kann sie unterteilen in Personen, deren Eltern Neureiche sind, weil die Eltern Künstler sind oder über alternative Geldquellen verfügen, und diejenigen, deren Eltern politisch bedeutende Figuren sind. Faktisch macht es keinen Unterschied, ob man der Sohn eines Ministers oder eines Paladarbesitzers ist. Vielleicht kann der Sohn des Ministers noch besondere Privilegien ausspielen, etwa eine Förderung für einen Auslandsaufenthalt, doch was den Zugang zu Konsum und Status angeht, gibt es keinen Unterschied.

Mich interessiert noch ein anderes Phänomen: Häufig findet man jemanden, der illegal einen Netzanschluss hat. Aber wer besitzt das Original? Wie funktioniert die illegale Weitervermietung?

Der größte Teil der Personen mit illegalem Internetzugang gelangt an diesen durch den Zugang über eine Institution, eine Arbeitsstelle. Nehmen wir zum Beispiel irgendein staatliches Unternehmen, das über einen offiziellen Internetzugang verfügt. Es gibt eine Person, die darüber wacht, dass dieser Anschluss ausschließlich von dazu berechtigten Personen benutzt wird. Doch diese Person selbst kennt das Passwort. Und normalerweise arbeitet so ein Unternehmen – sagen wir mal – von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Also erlaubt diese Person anderen, diese Internetverbindung in der Nacht benutzen, ab 19 Uhr oder 20 Uhr abends bis etwa 6 Uhr morgens – um genügend Puffer zu haben, damit niemand im Unternehmen bemerkt, dass andere Personen das Netz benutzen. Diese Variante ist sehr einfach zu entdecken, und sie wird auch entdeckt. Warum? Die kubanische Telefongesellschaft kann sehr einfach feststellen, dass ein privater Telefonanschluss sich mit dem Internetserver dieses Unternehmens verbindet. Deswegen wird das immer seltener gemacht. Parallel dazu gibt es Privatpersonen mit Internetanschluss. Dieser Personenkreis umfasst generell sehr bedeutende Leute. Regierungs­angehörige mit hohen Posten, vielleicht einige besonders bekannte Künstler sowie in Kuba lebende Ausländer. Weil Ausländer in Kuba ganz legal einen Anschluss bei sich zu Hause haben dürfen, können sie, auf eine „halblegale“ Weise zulassen, dass mit ihrem Einverständnis, andere Personen auf ihren Anschluss zugreifen. Beispielsweise gehen sie ins Büro, wo das Gerät steht und sie verbunden sind, und erklären, dass sie ab jetzt aus dem Netz gehen, und eine andere Person verbindet sich dann von einem anderen Telefonanschluss aus. Das wird quasi unter dem Einverständnis des eigentlichen Anschlussinhabers so gemacht und vielleicht bezahlt man diesem auch etwas Geld dafür. So läuft das.

Welcher Prozentsatz der kubanischen Haushalte verfügt wohl über einen PC?

Darauf kann ich keine Antwort geben außer, dass die Zahl größer wird. In dem Haus, in dem ich wohne, gibt es 144 Wohnungen. Und 1994 war ich, denke ich, die erste Person mit einem privaten PC zu Hause. Jetzt, 14 Jahre später, getraue ich mich zu sagen, dass es etwa 50 bis 60 PCs im Haus gibt. 

Und wie viel Personen davon wiederum haben einen Netzanschluss zu Hause?

Niemand. Gar niemand. Die Leute haben Internetadressen, was etwas anderes ist. Einigen Intellektuellen und Ärzten gibt man einen Zugang zum Intranet. Das eröffnet einen Zugang zu E-Mails, deren Adresse mit „.cu" endet. Doch damit kommt man nicht ins Netz. Hier steckt der private Internetanschluss von zu Hause aus noch in den Kinderschuhen. Nur Personen mit besonders wichtigen offiziellen Ämtern und Ausländer verfügen darüber. 

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Und täglich grüßt das Murmeltier… 
Momentaufnahmen aus dem kubanischen Alltag

r Bettina Hoyer

Lisas Langeweil

Lisa hätte gern neue weiße Kniestrümpfe, so, wie sie zur Schuluniform gehören. Im Moment trägt die 16-jährige ein Paar Strümpfe ihres 31-jährigen Onkels Antonio ab. Aber es gibt momentan keine Strümpfe auf dem Schwarzmarkt für einen Preis, den ihre Mutter bezahlen könnte. Lisa besitzt nur dieses Paar weißer Strümpfe, also muss sie es täglich mit der Hand waschen, denn eine Waschmaschine hat die Familie nicht. Und einen PC auch nicht. Lisa, die in einem der für Kuba so typischen Drei-Generationen-Haushalte, bestehend aus Großeltern, Tante, Mutter, und Bruder, in einer viel zu kleinen Wohnung lebt, ist in einem Neubauviertel am Rande Havannas aufgewachsen. Früher war dort schon nie etwas los, und jetzt gibt es erst recht nichts, was einen Teenager locken könnte. Lisa geht zwar auf eine Oberschule für Informatik, doch ob das, was sie sich im Fach Programmieren so ausdenkt, auch funktioniert, kann sie nur bei Freundinnen ausprobieren, die einen PC zu Hause haben oder wenn sie selbst an der Reihe ist mit Üben am Schul-PC, vor dem stets 2 bis 3 SchülerInnen gleichzeitig sitzen. Den Mathematikunterricht findet sie besonders schwer: Denn der kommt vom Band. Nur einmal wöchentlich kommt ein Lehrer dieses Fachs in die Klasse und muss versuchen, den SchülerInnen in der kurzen Zeit alles zu erklären, was sie in den anderen Mathematikstunden nicht richtig verstanden haben

„Diese Lehrer haben überhaupt keine Ahnung, wie man Leuten was beibringt!“, beschwert sie sich. Im Fach „Debatte und Reflektion“ sprechen die SchülerInnen über Politik. Da rattere sie, wie alle anderen auch, die üblichen Phrasen herunter, sagt sie. Ansonsten ist Markenkleidung angesagt. Die Kinder bringen MP3‑ Player in die Schule mit. Ob man die richtigen Kekse aus dem Shopping, dem Devisenmarkt, für die Pause mitgebracht hat, ist wichtig. Lisa ist beides lästig: Die politische Litanei, die sie herbeten muss, und die Marken-Manie, bei der sie nicht mithalten kann. Sie schaut lieber zu Hause ein paar Folgen der Telenovela auf Video an. Schließlich ist sie ganz verschossen in einen der Hauptdarsteller. 

Lisa hat noch einen älteren Bruder. Ihre Mutter, Tania, ist allein erziehend. Diese verdient als Zahntechnikerin gerade einmal 360 $ MN. Die Putzfrau in der zahntechnischen Abteilung, in der sie arbeitet, verdient 600 $ MN im Monat. Sogar diejenige, die für die Sterilisation der Geräte zuständig ist, verdient mit einem Gehalt von 400 $ MN mehr als die Zahntechnikerin, die immerhin 3 Jahre Ausbildung hinter sich hat. Nach weiteren fünf Jahren berufsbegleitenden Studiums wird Tania - dann als Graduierte - auch 400 $ MN verdienen. 

Sie erklärt, dass Fidel Castro - mit guten Absichten – die ans Ausbildungsniveau angepasste Lohnstaffelung durcheinander gebracht habe, als er die Arbeit der bis dahin völlig unterbezahlten unteren Lohngruppen aufwerten wollte: „Ein spontaner Akt, Fidel eben, dem fällt was ein, das hat überhaupt keinen Zusammenhang mit gar nichts, aber es wird gemacht.“ Das soll geändert werden. Doch wann? Tania zuckt mit den Schultern.

Einkommen und Auskommen

Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt in Kuba bei 408 Peso der Nationalwährung ($ MN) und die RentnerInnen haben im Mittel 165 $ MN monatlich zur Verfügung.[1] Diese Einkommen stehen zwar mit den Preisen auf dem rationierten Markt mit Bezugsscheinen (libreta), die es für alle EinwohnerInnen Kubas gibt, in einem ausgewogenen Verhältnis. Doch die Mengen der kleinen Angebotspalette von dort beziehbaren Produkten reichen höchstens für 14 Tage - gedacht war die libreta ursprünglich für die Grundversorgung eines ganzen Monats. Alles was über das Bezugsscheinheft nicht erhältlich ist, muss auf dem staatlichen Markt in $ MN, auf dem freien Agrarmarkt, dem staatlichen „Shopping“, wie Devisengeschäfte genannt werden, bzw. dem Schwarzmarkt erworben werden. Die Preise all dieser Angebotsformen übersteigen jedoch die durch staatliche Löhne, Renten oder Sozialfürsorge vorhandene Kaufkraft um ein Vielfaches. Wie soll eine Rentnerin von diesen 164 $ MN ihre Erkältung mit Vitaminen kurieren können, wenn eine einzige, winzige Limone in diesem tropischen Land 1 $ MN kostet? Oder zwei? Warum so teuer? „Weil es keine gibt!“ sagt der Verkäufer mit einem selbstbewussten Lächeln. 

Im kubanischen Devisensektor wird mit dem CUC bezahlt, einem Devisenäquivalent der kubanischen Regierung, das es dem Staat ermöglicht, die „echten“ Devisen aus dem Geldkreislauf zu nehmen. 1 CUC ist etwa 24 $ MN wert und nicht überall und nicht oft können Beträge von MN in CUC offiziell umgetauscht werden.[2] 

Solch essentielle Dinge wie Toilettenpapier oder Damenbinden gibt es allerdings nur für CUC zu kaufen, ebenso bestimmte Dienstleistungen, wie etwa die Nutzung des Internets. Auch Konsumgüter wie Elektrogeräte,[3] neuwertige Kleidung oder Haushaltswaren wie Matratzen müssen in Devisen bezahlt werden. Das verfügbare Angebot an Waren und Dienstleistungen in Kuba deckt den Bedarf nicht, und das größte Angebot findet sich im Devisensektor. Deviseneinkommen gibt es formal jedoch (fast)[4] nicht. Zusätzlich zum Lohn erhalten viele KubanerInnen zwar Prämien, die in Devisen oder in Naturalien vom Devisenmarkt gezahlt werden. Diese Prämien in Höhe von meistens 10-50 CUC monatlich können jedoch, zum Beispiel wegen schlechter Arbeitsdisziplin oder Kurzarbeit, wegfallen. Die Entlohnung einer mit 700 $ MN doch ein hohes Gehalt beziehenden Universitätsprofessorin reicht zum Leben daher trotzdem nicht aus (vgl. hierzu auch Escobar 2007). Ein Auskommen in Devisen könnte sie sich mit privatem Englischunterricht sichern oder der illegalenVermietungihres Internetzugangs, der illegalen Vermietung eines ihrer Zimmer an ausländische Gäste, wenn Kongresse stattfinden, oder mit Botendiensten während ihrer Auslandsreisen, bei denen sie außerdem auch kräftig Elektrogeräte, Kosmetik, Schmuck und Kleidung einkauft, um sie hernach in Kuba wieder zu verkaufen[5]. Oder ihr nach Spanien ausgewanderter Sohn schickt monatlich 100 Euro, von denen sie dann in Kuba gut leben kann. Viele von denen, die die remesas genannten Überweisungen ausgewanderter Verwandter aus dem Ausland empfangen, müssten gar nicht arbeiten gehen, um ein Auskommen zu haben.[6] Die remesas sind jedoch sehr ungleich in der Bevölkerung verteilt. Nur 62 % der KubanerInnen erhalten auf diesem Wege Devisen und es bestehen enorme regionale Unterschiede: Der Geldumlauf in Devisen ist in Havanna 44 Mal höher als im ländlich geprägten Guantánamo im äußersten Osten der Insel. 

Anfang der neunziger Jahre, als nach dem plötzlichen Zusammenbruch der Wirtschaftsbeziehungen mit den Ostblockstaaten das US-Embargo voll zum Tragen kam,  die Not verheerend groß war und es kaum etwas zu essen gab, da hieß es „Ich habe wirklich alles versucht, aber es gibt nirgendwo Huhn!“. Heute heißt es: „Ich habe wirklich alles versucht, aber es gibt einfach nirgendwo Huhn für den Preis, den ich mir leisten könnte.“ Das Ergebnis im Kochtopf ist jedoch dasselbe. Nur schwingt nun das resignierte Eingeständnis eines persönlichen Versagens mit, im Schattentheater der Spezialperiode keinen der vorderen Plätze ergattert zu haben, der die Wege zu einem besseren Lebensstandard eröffnet hätte. Unausgesprochen und nicht in Frage gestellt bleibt in dieser Positionierung die mögliche Verantwortung der Theaterintendanz für die eigene Lage. Dass das Bildungssystem nun zusammenfällt, dass das Gesundheitssystem nicht mehr hält, was es verspricht, dass man es verfallen lässt im Status Quo, der mit allerhand Alibis begründet werden kann, ist immer noch anders zu ertragen, als würde der Intendant des Theaters die Bühne betreten und erklären, dass das Stück an dieser Stelle zu Ende sei, leider, man habe sich verschätzt und könne die Aufführung keine Minute länger bezahlen. 

Stattdessen kann sich das Publikum damit die Zeit vertreiben zu kommentieren, wie ein Requisit nach dem anderen plötzlich aus dem Stück verschwindet um verhökert zu werden, ein Schauspieler nicht mehr wiederkommt um seine Rolle weiterzuspielen und ein anderer notgedrungen etwas zusammenstottert. Aber das Publikum ist brav, gut erzogen und es dazu noch gewohnt, mit Versprechungen hingehalten zu werden. „Die Magie der Worte“, sagt der unabhängige Journalist Reinaldo Escobar, sei ein beliebtes politisches Mittel in Kuba. Wenn man oft genug „Effektivität“ und „Produktivität“ sagt, dann werde sich das schon einstellen, man müsse nur daran glauben und seine Opfer bringen und dann sei es bald soweit. Oder?
 
Haben oder Sein ?

„Was wir jetzt geschaffen haben, ist eine Gesellschaft mit Ungleichheiten, aber auch eine, die von Grund auf ungerecht ist. Es geht nicht darum, dass wir jemandem was wegnehmen müssten. Aber wenn du siehst, dass die mit dem höchsten Einkommen in der Gesellschaft diejenigen sind, die Geld von einem im Ausland lebenden Verwandten erhalten, der „Neounternehmer“, der „Maceta“[7] und die „Jinetera“[8] sind, dann begreifst du auch, dass die Grundlage der individuellen wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit nicht dem Prinzip „jedem nach seiner Arbeit“ entspricht. Es ist nicht dein Beitrag zur Gesellschaft, der dich besser dastehen lässt“ (Veiga 2008, S. 45). Aurelio Alonso, Soziologe, Politologe und Mitherausgeber der Zeitschrift „Casa de las Américas“ der gleichnamigen Kultureinrichtung in Havanna bringt es auf den Punkt. Ja, es gibt sie, die GewinnerInnen der letzten 18 Jahre. Wer zu den von Haroldo Dilla bereits vor Jahren als „Klasse der Technokraten“ bezeichnetem Personenkreis gehört, der Zugang zu politischem Kapital hat und gleichzeitig seine Position für die Verbesserung ihrer eigenen ökonomischen Situation zu nutzen weiß, kann es wohl, was den Lebensstandard angeht, sehr gut in Kuba aushalten. Auch die zahlreichen KünstlerInnen, die nach Auslandsjahren wieder nach Kuba zurückgekehrt sind, oder diejenigen von ihnen, die eine Reiseerlaubnis besitzen, Devisen verdienen - und diese nun behalten dürfen. Weil sich auch der Parteifunktionär auf dem Schwarzmarkt mit Baumaterial versorgen muss, mit dem eigentlich hätte das Dach der Polizeistation gedeckt werden sollen, der Schwarzmarkthändler aber das Wegsehen vom Parteifunktionär braucht, damit er seine Geschäfte abwickeln kann, gedeihen entsprechende Allianzen prächtig und diejenigen, die dafür gesorgt haben, dass sie in der umgestülpten Sozialpyramide gegenwärtig obenauf stehen und nicht allein am vom Ausland bestückten Tropf hängen, sondern mit ihren „Kapitalien“ eigene Geschäfte – sei es legal oder illegal -  machen, werden auch die zukünftigen GewinnerInnen sein. 


KubanerInnen, die sich für 980 CUC ein chinesisches Elektromofa leisten, bei denen ein Flachbildfernseher im Wohnzimmer steht, die in den Paladares[9] der gehobenen Gastronomie zum Essen gehen, nur die angesagteste Markenkleidung tragen und ab und an ins Ausland reisen dürfen, scheinen in einer Seifenblase zu leben, an der alle sonst den kubanischen Alltag prägenden Unwägbarkeiten abprallen. Es gibt immer Benzin fürs Auto, alle erdenklichen Sorten Whisky, Rum und Likör, um für die nächsten Jahre ins Delirium zu fallen, und ich solle doch bleiben, heute wird bestimmt wieder eine Party gefeiert! Sie fahren im Taxi zum Konzert und irgendwer holt sie mit dem Auto wieder ab. Das selbstbewusste Zurschaustellen der eigenen materiellen Potentiale nimmt zu, wohingegen das Präsentieren einer revolutionären Haltung immer weniger wichtig ist. Es scheint, als gingen diese „Have mores“ bereits davon aus, dass ihnen diesen Reichtum - unabhängig von dessen zustande kommen - keiner mehr nehmen kann. Wer den Inspektoren derzeit jedoch nicht erklären könnte, woher das Geld für den Kauf eines Computers im Wert von 720 CUC gekommen ist, der hält sich besser mit solchen Großeinkäufen noch zurück (vgl. Fornés 2008). Irgendwann wird es nicht mehr wichtig sein, wie eine Kubanerin zu soviel Geld gekommen ist, dass sie sich einen Fernseher, einen Urlaub auf den Cayos, eine Videokamera oder ein Mobiltelefon leisten kann. Diese Entwicklungstendenz lässt viele, die den Idealen der Revolution viel Zeit und Kraft ihres Lebens geopfert haben, enttäuscht verstummen, andere trotzig verharren, viele freudig abwarten - doch, wird sie jemand aufhalten? 

Er geht, er geht nicht, er geht, er geht nicht… 

Manche Gespräche beginnen mit einem melancholischen Schweigen. „Veränderungen in meinem Alltag in den letzten fünf Jahren? Ich weiß nicht, was soll es da gegeben haben? Viele, viele Leute sind weggegangen. Meine besten Freunde sind nicht mehr da. Das hinterlässt große Leerstellen, du fängst immer wieder von vorn an, bis der Nächste geht. Das ist für mich die größte Veränderung, davon sind alle betroffen.“ Und mit einem dann doch leicht bitteren Ton fügt mein Gesprächspartner hinzu: „Und das scheint die da oben nicht zu interessieren, dass wird ignoriert, verschwiegen, das ist schlimm. Ist das politisch?“ 

Nach einem ruhigen und versonnenen Lächeln fügt der 48-jährige Musikjournalist noch hinzu: „Einer muss ja bleiben, nicht wahr?“ In jedem Gespräch gibt es diese menschlichen Leerstellen. Lebensqualität, die weggegangen ist. Die vielleicht wiederkommen wird. Offen ist jedoch, wann. Offen ist, wie. Offen ist, ob solche Träume nicht zerplatzen werden. 

Die Melancholie ist unspektakulär und direkt. Ein Elternpaar, dessen Söhne beide im Ausland leben, lädt mich am Geburtstag von einem ihrer Kinder zum Essen zu sich nach Hause ein. „Stellvertreterin“ solle ich sein, „sozusagen“ heißt es. Eine Last - und eine Ehre. Mit einem der Söhne bin ich gut befreundet. Der lebt in Spanien. Der andere Sohn ist in Kanada. Weggeheiratet von der Insel. Die befreundete Ausländerin in Kuba als Stellvertreterin für die eigenen jungen Leute, die sich, in der Hoffnung an anderen Orten mehr aus dem eigenen Leben machen zu können, davongemacht haben mittels Heirat mit Ausländerinnen. Eine eigenartige Konstellation ist das, in der wir da am Tisch sitzen. Feiern, tanzen, singen. Erinnern und vermissen. Gemeinsam. „Mehr Chancen wahrnehmen“, darauf kann sich der Familienvater vorsichtig einlassen. Mehr, so scheint es, kann er für sich selbst (noch) nicht akzeptieren. In dieser Familie fällt nicht ein einziges kritisches Wort zu den Diskussionen über die Zukunft von Kuba und die Missstände im Land. Vor ein paar Jahren wäre das nicht weiter erwähnenswert gewesen, denn es war normal: Jetzt fällt jedoch sehr deutlich auf, dass sie sich in Schweigen und Ausflüchte hüllen. Obwohl wir uns nahe stehen. „Veränderungen? Ich habe nichts bemerkt, aber das ist ja meine Meinung. Die Löhne sind erhöht worden, ach, ich war ja auch lange im Ausland und kann nicht viel dazu sagen.“ 

Ein Wirtschaftsingenieur und eine Ärztin, beide schwarz. Er kämpfte in Angola im Krieg, er glaubte an die Ziele der Revolution. Und jetzt, wo alle reden, schweigt er plötzlich. Dieses Ehepaar gehört nicht zur alten Bourgeoisie, die sich ihre Pfründe in Posten und Pöstchen wieder aufs neue gesichert hat, die irgendwo noch eine Finca auf dem Land besitzt, die Verwandte in den USA haben, welche kurz nach der Revolution mit ihrem Kapital geflüchtet sind. Nein, diese beiden sind ein Paradebeispiel für die soziale Mobilität der kubanischen Revolution. Jetzt gehören sie, formal, zur Intelligenz, doch deren Habitus, der ist in ihnen in nur einer Generation nicht gewachsen. Bei ihnen treffe ich auf keinen bürgerlichen Dünkel, der zu sprechen begonnen hat, seit es gewollt ist, sondern auf ein resigniertes Schweigen. Die Pfründe mögen auch sie sich gesichert haben, doch gibt es einen Unterschied: Die Augen des Vaters leuchten noch immer  und er lebt plötzlich auf, wenn er von der DDR als Vorbild für Kuba spricht, von den Jugendfestspielen, von den Idealen der Revolution. Danach herrscht wieder diese eigenartige, apathische Stille. Und die Söhne suchen ihre Zukunft im Ausland.

Wie viele andere auch. Schätzungen sprechen von 2 Millionen im Ausland lebenden KubanerInnen, 1,5 Millionen davon in den USA. In Kuba fehlen diese Arbeitskräfte. Die „Schlacht der Ideen“ mit ihren vielen Einzelprogrammen ermöglicht vielen KubanerInnen eine Qualifizierung, flickt die größten Löcher. Es reicht trotzdem nicht. Es mangelt an Ingenieuren und im Schnelldurchlauf werden junge Menschen zu Lehrern ausgebildet, die jedoch sehr wenig verdienen und zumeist wenig für den Beruf motiviert sind. „Die nehmen gerade überall jeden mit Handkuss!“, sagt man mir, auch junge Männer mit langen Haaren und Tattoo. Früher: Undenkbar. Viele lässt der kubanische Staat nicht weggehen aus dem Land. Ärzte zum Beispiel. Jahrelang kostenlos vom Staat ausgebildet, müssen sie ihre „Freistellung“ beantragen. Dann kommt das Warten. Jahrelanges Warten. Hoffen. Eine Antwort auf einen solchen Antrag erhalten KubanerInnen frühestens nach fünf Jahren, manchmal muss die Bürokratie noch länger an der Entscheidung feilen. Dann kommt vielleicht nach sieben Jahren die Ablehnung. Und dann?

Elvira, Studentin der Mathematik in Havanna, Mitte zwanzig, sehr intelligent und mit der Schönheit einer Herzensbrecherin gesegnet, ist ziemlich genervt. Ein Verehrer, mit dem sie unterwegs gewesen war, hatte ihr fast beiläufig eröffnet, dass er das Land verlassen will. „Was soll ich machen? Dann trink ich noch ein Bier mit ihm – und? Erstens will ich nicht gehen, zweitens, was soll das für eine Beziehung werden? Einer, der den Ausländerinnen hinterher guckt, bis er eine gefunden hat, die ihn heiratet? Oder ich werde krank vor Sorge sein, dass ihn auf einem Floß die Haie fressen? Oder er geht weg und mich lassen sie nicht? Ach was! Das hat doch alles keinen Wert!“ 

Ihr Bruder Antonio, gelernter Fahrzeugmechaniker, ist auch einer von denen, die sagen, dass sie weg wollen. Mich überrascht nicht, dass er weg will. Mich überrascht, dass er das in seiner Familie ganz offen sagt. Seine Eltern widersprechen nicht, reden nicht auf ihn ein, keine revolutionären Reden werden mehr geschwungen vom Vater, der noch vor wenigen Jahren nichts kommen ließ auf die Revolution und auf Fidel. Dieser Vater, ein Techniker kurz vor der Rente, der nur zu genau weiß, dass er seine Bildung und den sozialen Aufstieg den Anstrengungen der der Revolution verdankt, ist eigentlich immer ein sehr ruhiger Mann gewesen, still, entschlossen und fürsorglich. Nur, wenn jemand leise Zweifel äußerte am Gang der Dinge in Kuba, dann brauste er auf, erbat sich Ruhe und stellte den Fernseher mit den Nachrichten noch lauter, so dass jedes Reden unmöglich wurde. Heutzutage kommt derselbe Mann von den Einkäufen heim und regt sich so furchtbar über die hohen Preise auf, dass man Angst bekommt, er würde damit sein Herz gesundheitlich überfordern. „Antonio musste mir aber versprechen, dass er nicht auf ein Floss steigt!“, sagt seine Mutter. 

Warum Antonio gehen will, möchte ich wissen. „Ich kann hier nichts machen, du bekommst immer nur Steine in den Weg gelegt. Ich würde gern eine Pizzeria aufmachen, aber sie vergeben einfach keine Lizenzen. Ich möchte arbeiten und Geld verdienen und mir davon was aufbauen. Schau mal, die letzten Monate habe ich für Sepsa gearbeitet, eine Sicherheitsfirma. Solange wir unsere Dollarprämie bekommen haben, war das ein guter Job. Aber seit vier Monaten haben sie uns die Prämie nicht mehr ausbezahlt. Ohne Begründung! Es hieß, die Prämie kommt bald, aber sie kam nie. Was soll ich machen? Soll ich stehlen? Nur vom Pesolohn kann ich doch nicht leben. Alles ist hier in Devisen, hier läuft alles in Devisen! Fahrschule kostet 150 CUC! Die kannst du gar nicht mehr in der Nationalwährung machen! Der Clown für den Kindergeburtstag von meinem Sohn: 25 CUC, dieses Video vom Geburtstag, was wir gerade gesehen haben: 20 CUC! Es geht nicht mehr ohne!“ 

Antonio spricht mit großem Nachdruck und sehr eindringlichem Blick. Ich soll unbedingt begreifen, dass es eine Farce ist mit den Pesolöhnen und der sozialen Ungleichheit, bei gleich bleibend revolutionärer Propaganda – und, dass es ihm reicht. Er möchte selbst entscheiden, wie seine Zukunft aussieht. Er sieht keine Perspektive mehr für sich. Wie er das denn anstellen will mit der Ausreise, wenn er nicht auf ein Floß steigen möchte? Er ist im Bombo, der Lotterie, dem Pool, aus dem jährlich diejenigen gezogen werden, die eines der jährlich von den USA in Aussicht gestellten 20.000 Visa zur Emigration erhalten. Er hat Hoffnungen, sagt er. Und sein Freund, der hätte ein Geschäft gemacht mit einer Spanierin. Sie haben geheiratet, dann hat sie ihn nach Europa geholt und er dafür bezahlt. Ein Platz auf einem Boot hingegen kostet 10.000 USD, sagt er mir. Zu teuer für seine Verhältnisse. Eine Heirat nach Europa, meint er, sei billiger. Aber Zahlen bekomme ich nicht genannt. Und Genaueres über seine Heiratspläne erfahre ich auch nicht. Ich bin irgendwie froh, dass mich diese lieben Leute nicht fragen werden, ob ich nicht Teil dieses Geschäfts sein könnte, denn sie nehmen an, dass ich meinen Freund bald heiraten werde. 

Was wird mit seinem eigenen Sohn werden - der jetzt bei seiner Ex-Freundin aufwächst - wenn Antonio geht? „Der bleibt natürlich hier!“ Und Antonios derzeitige Freundin? Sie weiß es nicht, sagt sie. Mal will sie mit, mal nicht. Die 24‑jährige Alina arbeitet an der Kasse einer Bank. Das ist ein guter Job, denn beim Geldwechsel geben viele Leute Trinkgeld in Devisen. Antonio lebt mit ihr und ihrem 5‑jährigen Sohn zusammen in einer geräumigen Parterre-Wohnung eines Neubaus im Osten Havannas. Im Moment ist Alina zum zweiten Mal innerhalb von fünf Monaten schwanger und muss sich das Kind wegmachen lassen, erzählen sie mir. KubanerInnen sprechen darüber auf eine Weise, auf der wir von einer Warze berichten würden. Abtreibung ist kostenlos auf der Insel und bis vor kurzem auch einfachst zu handhaben. Daher war es mit der Verhütung nie besonders weit her. 


Wer KubanerIn ist, verzweifelt nicht!

Seit der Spezialperiode werden die Wörter „luchar“ (kämpfen) oder „resolver“ (ein Problem lösen) sehr häufig im Zusammenhang mit der Bewältigung des Alltags verwendet. Wenn sich Antonios Vater beispielsweise auf die Suche nach einem neuen Dichtungsring für den Schnellkochtopf russischen Fabrikats macht, dann löst er ein Problem (der kaputte alte Dichtungsring wird schließlich mit Leim am Topf festgeklebt). Die Jinetera jedoch, die geht kämpfen, wenn sie sich unter die TouristInnen mischt, um ihnen das Geld aus den Taschen zu ziehen. Die Phrase: „Mach dir keine Sorgen, das Problem ist schon so gut wie gelöst!“, obwohl noch keiner überhaupt auch nur eine Ahnung davon hat, wie eine Lösung aussehen könnte, spricht u. a. vom unerschütterlichen Optimismus. 

Antonio wirkt zerstreut, unruhig und fahrig. Emigrieren kann man auf verschiedene Art und Weise und muss dazu nicht unbedingt das Land verlassen. 

„Wusstest du, dass wir in Kuba eine der weltweit höchsten Selbstmordraten zu verzeichnen haben? Das steht in keiner Statistik der Nationalen Amtes für Statistik (ONE) und die Zahlen wirst du so auch nirgends finden. Als ich dort gearbeitet habe, wurde extra eine Versammlung einberufen um zu klären, wie man mit diesen Zahlen umgeht“, sagt mir Elvira.

Antonio hat noch eine tragische Geschichte zu erzählen. Von einem Kubaner, der einen Paladar hatte, ein eigenes Auto und 14 Angestellte (natürlich nur 4 legale, der Rest war illegal beschäftigt) und einen Haufen Geld. Der lebte in Saus und Braus und musste nur herumsitzen und seine Geschäfte leiten, die einfach sehr gut liefen. Aber dann wurde der Glückspilz von der Idee besessen, sich noch weiter entwickeln zu wollen, sein Geschäft weiter auszubauen, seinen Reichtum zu mehren. Und er hatte wohl auch keine Lust mehr auf das Florettfechten mit der kubanischen Bürokratie. Die USA wurden sein Traum! Er gewann seine Ausreise im Bombo!!! In Miami angekommen, stellte es sich jedoch als äußerst schwierig heraus, ein eigenes Restaurant zu eröffnen und es mit genügend Gästen zu füllen. Er musste auch wieder selbst arbeiten - keine 14 Angestellten mehr. Er war total überfordert. Er musste einen Kredit aufnehmen, das Geschäft lief nicht, die Banken konfiszierten seine Habe…, schließlich hat er sich umgebracht. „Siehst du, man muss sich genau überlegen, ob man wirklich weggehen soll.“ 

* Gekürzte und abgeänderte Fassung des Artikels "Lost in Transition: Kubanisches Schattentheater.“ Erschienen in: Der Bürger im Staat. Kuba. Heft 2/2008, Landeszentrale für Politische Bildung Baden Württemberg, S. 136-144.

Bettina Hoyer, Ethnologin (M.A.) studierte Ethnologie, Soziologie und Psychologie an der FU Berlin und spezialisierte sich auf Lateinamerika und insbesondere die Beziehungsstrukturen in der kubanischen Alltagskultur. Ihre Magisterarbeit wurde mit dem Rudolf-Virchow-Förderpreis 2009 für hervorragende Magister- und Diplomarbeiten der „Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte“ ausgezeichnet.
Sie arbeitet als freie Autorin, Übersetzerin und Lektorin in Berlin, ist Mitbegründerin des ÜbersetzerInnen-Netzwerkes LinguaTransFair und übersetzt unter anderem auch den Blog „Generación Y“ mit ins Deutsche. 
Im Januar 2009  erscheint das gemeinsam mit Sebastian Landsberger verfasste landeskundliche Spanischlehrbuch für die gymnasiale Oberstufe „Cuba.
Identidad entre revolución y remesas“ (Schmetterling Verlag Stuttgart).

Literaturhinweise

Escobar, R. (2007): Una familia cubana concluye el 2006. In: Revista Digital Consenso No. 1/2007. Unter: http://www.desdecuba.com/12/articulos/4_01.shtml (19.5.2008)
Mesa-Lago, C. (2008): La economía cubana en la encrucijada: legado de Fidel, debate sobre el cambio y opciones de Raúl (DT) DT Nº 19/2008 - 23/04/2008. In: Real Instituto Elcano. (19.5.2008) http://www.realinstitutoelcano.org/wps/portal/rielcano/contenido?WCM_GLOBAL_CONTEXT=/Elcano_es/Zonas_es/DT19-2008
Veiga, R. (2008): El Papa nos dejó un desafío de diálogo. In: Espacio Laical, año 4 no. 1, 2008. La Habana.

[1] Der Reallohn ist demnach von 188 $ MN im Jahr 1989 auf 45 $ MN im Jahr 2007 gefallen und bei Renten betrug die „Realrente“ 56 $ MN im Jahr 1989 und 22 $ MN im Jahr 2006. Besonders von Armut betroffen sind in Kuba Personen über 60 Jahre, weibliche Haushaltsvorstände, Schwarze und Mulatten. Die Armut ist im Osten des Landes größer, weshalb es eine starke Binnenmigration in die Hauptstadt gibt (Mesa-Lago 2008, S. 16ff.).
[2] Zum besseren Vergleich: Der Umtauschkurs des Euro zum CUC lag Anfang Januar 2009 bei 1:1,26, so dass ein Euro ca. 31,57 $ MN entspricht. 
[3] Im Jahr 2007 (dem „Jahr der Energierevolution“) wurden pro Bezugsscheinheft (libreta) je ein Elektrogerät (Kühlschrank, Reiskocher, Dampfkochtopf, Wasserkocher) für die Bevölkerung in $ MN bereitgestellt Es gab einen „Zwangsumtausch“ von alten Kühlschränken gegen neue, wobei die funktionstüchtigen alten Geräte einfach abtransportiert wurden und ein neues chinesisch-kubanisches Produkt für ca. 6.100 $ MN erworben werden konnte. Diese Summe kann auch in 52 Raten abgezahlt werden, wobei Zinsen anfallen und der Preis auf fast 7.100 $ MN steigt. Die Garantie für den Kühlschrank beträgt nur 3 Monate.
[4] Eine Ausnahme bilden die Privatunternehmer (cuentapropistas), welche sich entscheiden müssen, ob sie ihre Geschäfte in CUC oder $ MN anbieten. Entscheiden sie sich für den Devisensektor, erzielen sie ein Deviseneinkommen, müssen jedoch auch alle Steuern in CUC abführen und per Gesetz ihre Einkäufe im Devisensektor tätigen. Beispiele hierfür sind die Privatrestaurants (paladares) oder die private Zimmervermietung an AusländerInnen (casas particulares).
[5] Die Grenze für mögliche Geschäftchen stellt eigentlich nur die Phantasie der KubanerInnen dar.
[6] La Directora de Empleo de dicho Ministerio informa que a nivel nacional “hay 210.797 personas en edad de laborar sin interés y motivación para trabajar”, o sea, 4,3% de la PEA de 4.847.300. La ONE estima que 20% de la población en edad laboral no trabaja en La Habana; 45% de ellos realiza gestiones para trabajar pero no aceptan puestos estatales porque no les pagan bien y un negocio privado les da mas; 17% de los graduados de la enseñanza técnica en 2007 no se presentaron a los puestos ofrecidos (vgl. Mesa-Lago 2008, S. 17).
[7] Maceta werden im kubanischen Volksmund reiche Leute bezeichnet, die mit krummen Geschäften reich wurden.
[8] Jinetera (wörtlich: Reiterin), Prostituierte, die ihr Geld v.a. durch einen „Begleitservice“ von TouristInnen verdient.
[9] Restaurants, die von Kleinunternehmern (cuenta propistas) betrieben werden

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„Wenn man dem wir eine Chance gibt…“
Aus einem Interview mit dem Protestsänger Pedro Luis Ferrer


r Das Interview führte Reinaldo Escobar, Herausgeber der Digitalzeitschrift Consenso, im Jahr 2008

Ferrer:
In erster Linie möchte ich der Zeitschrift Consenso für dieses Interview danken. Denn kein Journalist der offiziellen Medien traut sich, zu mir zu kommen, um mich zu interviewen, als wenn man an einer Pest leide oder gar nicht existiere. Es ermutigt mich, dass Sie sich zu etwas anderem entschlossen haben und nicht servil diesem Gehorsam verfallen sind, den man im kubanischen Journalismus unserer Tage sieht. Momentan ist am wichtigsten, dass meine Gruppe und ich in einigen Tagen eine Tournee durch Spanien beginnen, um unsere CD Rústico und die neue Platte Natural vorzustellen. Wir reisen nach Spanien, um die Tournee zu organisieren, denn im Augenblick haben wir nur ein einziges Konzert in der ersten Oktoberwoche geplant.
Escobar: Die vorherige Platte ist ,,Das Beste von Pedro Luis Ferrer“?
Ferrer: Nein, diese Aufnahme war eine Auswahl, die man in der EGREM (staatliche Behörde) traf, ohne mich zu konsultieren. Daher habe ich nichts damit zu tun, Es ist Archivmaterial von der EGREM, in der ich wie ein schon verstorbener Künstler behandelt wurde.

Pedro Luiz Ferrer:

„…Da mein Kuba hundertprozentig
kubanisch ist,
werde ich morgen ein Ticket
auf dem Flughafen reservieren.
Ich will in den Süden reisen,
um die Armut kennenzulernen
und als Kubaner hundertprozentig
in mein Land zurückzukehren.“

Aus Fer
rers Parodie der Parole (Hunderprozentig kubanisch) in Form einer burlesken Guaracha
Die fehlende Reisefreiheit ist hier mit der Botschaft kombiniert, dass die Flucht ins Ausland keine Lösung sozialer Probleme bedeutet.

Escobar: Wie sind Sie in die Verwaltung eingebunden?
Ferrer: Jch bin Teil einer Institution, die Centro Nacional de Música Popular heißt. Um mich beruflich mit Musik zu befassen, muss ich in einem Unternehmen des Kultusministeriums verankert sein. Sie zahlen mir 500 Pesos cubanos monatlich. Damit kann ich meinen Strom bezahlen. Ich halte mich für einen eventuellen Auswanderer, denn ich lebe in meinem Land, verdiene das Geld aber mit meiner Arbeit im Ausland. Ich würde dieses Geld lieber in Kuba verdienen, aber das ist leider nicht möglich. Ich akzeptiere hier diese Spielregel, denn anders als man glaubt, emigrieren die Menschen nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen ins Ausland, sondern viele sind auch Wirtschaftsemigranten im eigenen Land.
Escobar: Sie treten wenig in der Öffentlichkeit auf. Aus welchen Gründen?
Ferrer: lch lebe schon zwei Jahre auf Kuba, ohne zu verreisen. In dieser Zeit habe ich sechs Konzerte gegeben. Dabei habe ich jede Lust verloren, in der Öffentlichkeit aufzutreten, seitdem man mich in den offiziellen Medien totschwieg: Theater, Radio, Fernsehen. Eines Tages, Ende der 80er Jahre, zitierte man mich zu einem Treffen, um mir zu erklären, dass ich eine Zeitlang ohne Auftritt sein würde. Das währte mehr oder weniger zwei Jahre, anschließend an eine Reise nach Peru, bei der ich unliebsame Dinge gesagt hatte. 
Als ich nach Kuba zurückkehrte, stellte man mich in die Nähe von Gruppen zur Verteidigung der Menschenrechte, und schließlich entfernte man mich von allem. Da zog ich mich zurück und spielte nur noch in Häusern meiner Freunde. Dabei trete ich gerne in der Öffentlichkeit auf, aber nur wenn ich sagen kann, was ich denke. Ich respektiere jeden, aber hier glaubt man, dass es schon respektlos ist, wenn man eine andere Vorstellung als die offizielle vertritt. Wenn man mir eine Chance gibt, sage ich, was ich denke und gebe Konzerte, wie ich sie gestalten möchte.
Escobar: Nach dieser Verbannung von zwei Jahren begann man einige Ihrer Lieder im Radio zu senden. Wie erklärte sich dieser  Wechsel?
Ferrer: Es passierte nichts Besonderes. Irgendwelche Funktionäre entschieden für ein bestimmtes Lied und gaben ein sehr fragmentiertes Bild von mir wieder. Sie spielten zum Beispiel ,,Die Artilleristinnen", aber nicht ,,Marucha, die Hure"; sie spielten ,,Die kleine Kuh Pijirigua", aber nicht ,,Hundertprozentig kubanisch". Wegen zahlreicher Widersprüche begann ich im Namen der Revolution zu protestieren. Ich kann nicht dulden, wenn ein Funktionär mich auf Themen festlegt. Alles was sich gegen die Freiheiten des Menschen, gegen seine Ausdrucksmöglichkeiten in Wirtschaft, Religion und Kunst richtet, erscheint mir nicht gut. 
Escobar: Erzählen Sie mir von Ihrem Publikum. Spürten sie einmal eine gewisse Ferne?
Ferrer: Ich habe große Überraschungen mit meinem Publikum erlebt. Eines Tages hörte ich Hunderte von Personen Lieder von mir singen, die sie niemals im Radio oder Fernsehen gehört hatten. Das war eine gewaltige Lehre für mich. Bei der technologischen Entwicklung heute braucht man nicht mehr auf die Reproduktion durch die Staatsmedien zu warten. Man kann mich im Rundfunk verbieten, aber mich selbst nicht. Es sei denn, man verabschiedet ein Gesetz zum Verbot meiner Lieder.
Escobar: Die Anerkennung des Publikums basiert sehr stark auf Ihrer Ausübung der Kritik. Glauben Sie, dass sich dies irgendwann ändern wird, wenn es diese restriktiven Mechanismen nicht mehr gibt?
Ferrer: Ich glaube, dass die Völker immer Raum zum Nachdenken haben müssen. Selbst wenn es mehr Freiheiten gibt, werden die Zeiten nicht leicht sein, da auch die Freiheiten Risiken in sich bergen. Ich muss gestehen, dass ich der Zukunft skeptisch gegenüberstehe. Hier haben sich Machtkreise mit einer hohen Gewaltstruktur herausgebildet, die von ihrem Spielraum immer Gebrauch machen. Wie soll man diesen Leuten erklären, was passiert ist? Wer die Gesellschaft umbilden will, muss Opfer bringen, aber auch eine große Sensibilität und maßvolle Haltung zeigen. 


Cosecha                                                 
El polvo sobre el piso de mi casa.
El polvo en las paredes.
El polvo de las calles.
El polvo de un derrumbe.
El polvo de promesas.
El polvo de palabras.
El polvo, sólo el polvo.


Ernte
Der Staub auf dem Stockwerk meines Hauses.
Der Staub an den Wänden.
Der Staub der Straßen.
Der Staub eines Abgrunds.
Der Staub von Versprechungen.
Der Staub von Worten.
Der Staub, allein der Staub.

Der Lyriker Carlos Valerino lebt in Santiago de Cuba 
und war im Jahre 2003 Stipendiat
der Hannah Arendt-Stiftung in Hannover

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Neues aus der Bücherkiste
Traurig und wahr

Amir Valle: Habana Babilonia. Prostitution in Kuba. Zeugnisse. Aus dem Spanischen von Karl J. Müller u. a. Köln: Verlag Peter Faecke 2008. 340 S. 16, 90 Euro

Dieses Buch basiert auf Interviews mit kubanischen Prostituierten - ein Tabu auf der Insel, das der Autor und seine Familie mit dem Exil bezahlten. Das Buch – unter dem Titel ,,Jineteras“ (2006) Bestseller in Spanien und Lateinamerika - ist über verschiedene Stufen gereift. Ursprünglich im Internet, zirkulierte es als Raubkopie in vielen Händen. Mag es auch manchen Voyeur angezogen haben, ist es doch ein engagiertes Plädoyer, die Prostituierten als Opfer einer Gesellschaft zu sehen, in der Korruption und ,,doble discurso" inzwischen alle Kreise er-fasst haben.

Führte das Thema der Prostitution in Kuba im Oktober 1987 (,,E1 caso Sandra" in Somos Jóvenes, S. 68-81) für den Journalisten Luis Manuel García (heute in Madrid) noch zur Degradierung, hat es inzwischen als Alltagsphänomen diesseits und jenseits des Atlantiks in allen Gattungen schon eine reiche Bibliografie. Der besondere Charakter des Werks Amir Valles - von dem in der Edition Köln schon sechs Romane publiziert sind - liegt in der Mischung aus soziologischem und literarischen Text (mit verfremdeten Namen). Der Autor hat über zehn Jahre lang auf der Insel recherchiert, Archive aufgesucht und sich teilweise unter Lebensgefahr in dem entsprechenden Milieu bewegt. Das umfangreiche Literaturverzeichnis ist Ausdruck seiner Bemühungen.

lm Grunde genommen ist es ein ab-grundtrauriges Buch, das aber viele Sextouristen (und auch Touristinnen) nicht zum Nachdenken bringen wird. Auf den Straßen und in den Hotels in Kuba (in die jetzt auch Kubaner und Kubanerinnen gegen Bezahlung dürfen) wird man massenhaft Pärchen verschiedenen Geschlechts sehen, die sich prostituieren. Der Traum von Heirat und Ausreise dürfte sich aber für die wenigsten realisieren lassen.
Dem Autor Amir Valle, der im Augenblick noch in Berlin lebt, ging es primär um eine Beschreibung der Verhältnisse. ,,Mein Ziel ist, über die Wahrheit zu berichten. Diese Wahrheit. Einfach die Wahrheit" (S. 15). 

In diesem Sinne sollte das Buch auch auf Deutsch weite Ver-breitung erfahren, denn zwischen der staatsoffiziellen Parole ,,Socia-lismo o Muerte" gibt es viele Fassetten des Überlebens.













Monika Krause-Fuchs: Machismo ist noch lange nicht tot!  Kuba: Sexualität im Umbruch. Halle: Projekte Verlag Cornelius GmbH 2008. 239 S. (mit Foto- und Dokumenteanhang). 13, 50 Euro

Im Cuba Journal 2002 / 2003 hatten wir bereits den Band Monika y la Revolución. Una mirada singular sobre la historia reciente de Cuba (Tenerife 2002) angezeigt. Dieses neue Buch, das auch auf Spanisch erschienen ist, behandelt die Beziehungen der Geschlechter im schwierigen Revolutionsprozess Kubas. Eine Regierung, die zwar einen „hombre nuevo“, aber keine „mujer nueva“ propagiert, läuft schon von vorneherein in Widersprüche.

Die promovierte Soziologin Monika Krause-Fuchs hat fast dreißig Jahre ihres Lebens auf der Karibikinsel an der Bewusstseinsveränderung von Mann und Frau in Fragen der Sexualität und Emanzipation gearbeitet. Der Transfer relativ liberaler sexualpädagogischer Ideen und Schriften (z. B. auf dem Gebiet der Homosexualität) aus der DDR nach Kuba war dabei eine wichtige bildungspolitische Aufgabe. Darin allein liegt schon ein großes Verdienst, selbst wenn Abbildungen aus diesen Büchern auch auf voyeuristisches Interesse stießen.

Dieses Basisbuch schildert die Auseinandersetzung mit einer Reihe von Tabuthemen wie Internatsschulen als Herd neuer Sexualprobleme, Coaching von Sexologie-Experten und Familienärzten, Schwangerschaft von Teenagern, Verhütung, Adoption, Automatismus von Abbrüchen
 

mit seelischen Folgen. Es handelt sich um Probleme aus dem Alltag, die auch heute noch ungelöst sind. Im Gegenteil: Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Depression haben sich diese Probleme noch verschärft und sind trotz aller fortschrittlichen Gesetze und ihrer Institutionen ungelöst.

Natürlich drängen sich Parallelen zur Situation in kapitalistischen Ländern auf, aber als Pädagogen pflegen wir immer den Kinderglauben an die bewusstseinsverändernde Kraft des geschriebenen und gesprochenen Wortes. Als Augenzeuge des Mauerfalls am 9. November 1989 in Berlin war eines meiner Schlüsselerlebnisse, dass die Menschenmassen aus der DDR als erstes die Sex-Shops und Autosalons im Ku-Damm-Viertel stürmten. Offensichtlich war es in 40 Jahren DDR nicht gelungen, diesen Bedarf bei weiten Kreisen der Bevölkerung zu stillen. In diesem Sinne sollte das Buch auch zum Nachdenken über Sinn und Inhalte der hiesigen globalisierten Konsumgesellschaft führen.

Aufgabe Kultur

Michael Zeuske: Kleine Geschichte Kubas. 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage. München: C.H. Beck 2007. 248 S. (Beck´sche Reihe.1371). 12,90 Euro

Dieses Standardwerk zur Geschichte Kubas liegt in neuer aktualisierter Auflage vor. Besonders im letzten Teil des Buches hat der Vf. der Entwicklung seit 2002 Rechnung getragen und neue Trends in der Innen- und Außenpolitik berücksichtigt. Die Orientierung der kubanischen Regierung nach Lateinamerika, die neue ökonomische Abhängigkeit vom Erdöl Venezuelas, der ideologische Flirt zwischen Fidel Castro und Chávez  sowie ein Resümee des Lebenswerks Castros beschließen den Band. Hieß der Epilog in der 2. Auflage 2002 noch „Spätcastristische Stabilisierung oder Grundlagen eines neuen Kuba?“, so lautet er jetzt „Fidel Castro - Don Quijote in Olivgrün oder Vater des Linksrucks? Eine kritische Würdigung“ (S. 226-234).

Im Schlusssatz des Buches wiederholt Michael Zeuske die überaus zutreffende Bemerkung von Fernando Ortiz: „In Kuba, mehr als bei anderen Völkern, bedeutet die Verteidigung der Kultur die Rettung der Freiheit.
 

Die Rechte
der Geschichtslosen

Bernd Wulffen: Kuba im Umbruch. Von Fidel zu Raúl Castro. Mit Fotos von Wolfgang Grossmann. Berlin: Ch. Links Verlag 2008. 271 S.

Dieses Buch über die inselkubanische Gerontokratie lebt von der persönlichen Kenntnis der Insel und ihrer wichtigsten politischen Figuren. Denn der Vf. war von 2001 bis 2005 deutscher Botschafter in Havanna. Bereits in der „Eiszeit in den Tropen“ (22006) hatte er über seine frustrierenden Erfahrungen berichtet. 

In diesem Band geht Bernd Wulffen von den ersten zaghaften Veränderungen auf der Insel aus, die sich um den Übergang von Fidel zu Raúl Castro ranken. Der politischen Biografie Raúl Castros folgen Kapitel über die kubanische Wirtschaft, die Innen- und Außenpolitik. Fazit und Ausblick enden mit ausgewogenen Fragezeichen. Sehr lesenswert sind die Ausführungen über Menschenrechte und Opposition, wobei der Autor das Prinzip der „novela testimonio“ nutzt und „die Geschichte der Leute ohne Geschichte“ thematisiert. Sogar die „Actos de repudio“, Psychoterror vor den Türen der Oppositionellen, sind erwähnt. Der makrohistorische Rahmen bringt manch Bekanntes, das man auch in Michael Zeuskes „Kleiner Geschichte Kubas“ (32007) nachlesen kann. Bei der hierzulande sehr oberflächlichen Kenntnis von der Entwicklung auf der Insel sind alle Bücher, die Zusammenhänge aufzeigen, hochwillkommen.


Im Reich der Ideen

Frank Niess: Fidel Castro. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2008. 158 S. (Rowohlts Monographien. 50679). 8, 95 Euro

Diese aktuelle Darstellung über Leben und Wirken Castros ist fast schon ein Memento mori, denn der Comandante en Jefe siecht seiner letzten Lebensphase entgegen. Es mangelt auch im deutschsprachigen Bereich nicht an entsprechenden Monographien (Bourne, Quirk, Skierka, Gratius, de Villa, Neubauer u. a.), aber Frank Niess ist es gelungen, Faktenfülle und Synthesen für ein breites Publikum anschaulich zu verbinden. Der Vf. hat als Wissenschaftsjournalist durch Standardwerke über den Einfluss der USA in Lateinamerika, über die Geschichte Nicaraguas, über Sandino, Kuba und Che Guevara sowie durch viele Aufsätze in Fachzeitschriften meinungsbildend seit den siebziger Jahren gewirkt.

Diese Monographie zeigt quasi als Quintessenz den dornenreichen Weg des kritischen Kubaforschers, ohne den Glauben an eine gerechtere Gesellschaft in einem demokratischen Sozialismus aufzugeben. Es wird deutlich - und durch zahlreiche Abbildungen unterstrichen -, dass die Geschichte Kubas auch die Geschichte Castros ist. Und so hat Frank Niess vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die  Gegenwart beide Ebenen miteinander verbunden. Wenn dabei proportional der größte Teil des Textes auf die sechziger und siebziger Jahre fällt, so spiegelt das sicher die  lehrreichste Entwicklung der Revolution wider.

Die Herausbildung einer neuen Klassengesellschaft, die Widersprüche zwischen Worten und Lebensrealitäten sind differenziert und aus eigenem Erleben nachgezeichnet und bewertet. Das Buch endet mit einer etwas optimistischen Zukunftsanalyse, die Castros Bedeutung ins Reich der Ideen als Anreger für eine sozial gerechtere Gesellschaft rettet.  

Martí & Sozialismus

Raúl Fornet-Betancourt: José Martí interkulturell gelesen. Nordhausen: Verlag Traugott  Bautz 2007. 148 S. (Interkulturelle Bibliothek. Bd. 14).

Was Raúl Fornet-Betancourt im Zusammenhang mit der philosophischen Rezeption des Marxismus in Lateinamerika zu José Martí nur verkürzt darstellen konnte (Ein anderer Marxismus? Mainz 1994, S. 23-28), hat er jetzt in einer eigenen Monographie ausführlich analysiert. Ausgehend von der These, dass Martí als Vorläufer der interkulturellen Philosophie in Theorie und Praxis zu gelten habe, hat der Vf. in sieben Kapiteln in stringenter Werkanalyse den Standort Martís zu Sozialismus, Kolonialismus und Rassismus überzeugend definiert.

Er grenzt sich dabei von dogmatischen Äußerungen Fernández Retamars ab, Martí habe aus strategischen Gründen das Problem des Klassenkampfs marginalisiert. Nach Raúl Fornet-Betancourt verbindet Martí dieses Problem gerade „mit einer Lehre des sozialen Zusammenlebens, das auf der soliden Basis der menschlichen Liebe steht“ (S. 31). Wenn Martí von Unterdrückern und
Unterdrückten spreche, meine er den Gegensatz von Kolonisatoren und Kolonisierten, nicht  den zwischen Bürgertum und Proletariern wie Karl Marx. 

Ein wesentliches Verdienst dieser Arbeit besteht gerade darin, das differenzierte Bild Martís vom Sozialismus aus seiner Zeit heraus verdeutlicht zu haben. Martí selbst hat diesen Begriff in seinen verschiedenen Strömungen vom christlichen Sozialismus über den Mutualismus Proudhons bis zu den Junghegelianernaufgefächert. Gerade angesichts der alltäglichen Instrumentalisierung Martís von allen Richtungen sollten die Parteigänger wieder auf das Studium der Werke Martís verwiesen werden. Letzten Endes hat Nicolás Guillén Recht, wenn er dichtete (Nicolás Guillén, Obra poética, Bd. 2, La Habana 1974, S. 326):

   Martí, es muss schrecklich sein,
   jeden Tag soviel diffuses Zitat,
   soviel Literatur zu erdulden.
   In Wirklichkeit, nur Sie und der
   Mond.

Das Buch Raúl Fornet-Betancourts ist etwas für anspruchsvolle Leser, aber es lohnt die Mühe, weil es uns auf das Werk Martís zurückverweist und die Aktualität des martianischen Denkens auf anschauliche Weise darlegt. 

Sehnsuchtswecker

Barbara Zeizinger: Kuba. Am leichten Ufer des Wassers. Schweinfurt: Wiesenburg Verlag 2007. 136 S. (Reiseimpressionen. Bd. 8). 15, 80 Euro

Diese Reiseeindrücke leben von den Begegnungen mit Menschen. Die Vf. reiste mit ihrer Tochter durch Kuba und stützt als freiberufliche Schriftstellerin ihre Reiseerlebnisse durch Zitate aus der kubanischen Literatur. Jedes Kapitel ist durch ein Farbfoto eingeleitet und weckt Reisesehnsucht. Aus der Touristenperspektive sind anspruchslose Szenen aneinandergereiht, ohne die Beobachtungen zu problematisieren.

Leider wimmelt das Buch trotz Korrekturhilfen von Fehlern, vor allem im spanischsprachigen Wortschatz. Bei dem einleitenden Motto von Lezama Lima hätte die Vf. sich nicht auf die Übersetzung von Meyer-Clason verlassen sollen, der „precisar“ mit „bestätigen“ falsch verdolmetschte (Vf. schrieb außerdem „precisió“!).

Das Beispiel zeigt einmal mehr, dass eine Kurzreise nach Kuba nicht immer zu einer Buchpublikation führen sollte.

Das Cuba-Journal 2009 erscheint
im Monat Okober. Thema ist die
 50 Jahre alte Revolution: Bewährt
oder verjährt?
Wer das Heft  durch einen kritischen
Beitrag  oder eine Spende anschieben
möchte, ist eingeladen.

Kontakt:
DeCuba Postfach 323416
20119 Hamburg


In ihrer Reihe Meisterwerke des lateinamerikanischen Films hat Gerd Kähler in der Firma Icestorm Revolution, S. L., Friedrichstr. 55 a, 10117 Berlin auch eine Reihe kubanischer Filme in DVD herausgegeben: Tod eines Bürokraten, Juan Quinquín, Maluala und zuletzt  Alicia im Ort der Wunder (Alicia en el Pueblo Maravillas), 90 Minuten. Ausgezeichnet mit dem Friedenspreis der Berlinale 1991, hat dieser Film es bis heute auf Kuba wegen seines Verbots nicht leicht gehabt. Die geniale Adaption von Lewis Carrolls Alice´s Adventures in Wonderland (1865) brachte den Regisseur Daniel Díaz Torres und Jesús Díaz bei den Zensuraposteln in große Schwierigkeiten. Die skurrile Geschichte von Alices Abenteuern, die Walt Disney so erfolgreich verfilmt hat, ist hier auf einen kubanischen Meridian visiert.              M.F.

Schnäppchen
Die Distribuidora del Camì (Mallorca), c/ Paborde Jaime, 9, E-07320 Santa María del Camì (delcami@arrakis.es) bietet zum sensationellen Preis von 16,95 Euro die folgenden abendfüllenden Filme der kubanischen Cinemathek in DVD zum Verkauf an: 

Derecho de asilo (1994), La bella del Alhambra (1989), Papeles secundarios (1989), Adorables mentiras (1991), El siglo de las luces (1992), Una pelea cubana contra los demonios (1971), Un hombre de éxito (1986), Cumbite (1964), Vampiros en La Habana (1985), Hasta cierto punto (1983), Vals de La Habana Vieja (1988), Plaf o Demasiado miedo a la vida (1988), El elefante y la bicicleta (1994), Las doce sillas (1962), La primera carga del machete (1969), Clandestinos (1987), Los pájaros tirándole a la escopeta (1984), Se permuta (1988), El hombre de Maisinicú (1973), La última cena (1976), Las aventuras de Juan Quinquín (1967), Historias de la revolución (1960).

Dialog taut Eiszeit auf

Mit Unterstützung des Referats Weltkirche der Diözese Eichstätt, des Instituts für vergleichende Sozialarbeitswissenschaft und interkulturelle internationale Sozialarbeit (ISIS) e. V., Eichstätt, des Missionswissenschaftlichen Instituts Missio e. V., Aachen und der Comboni-Missionare, Ellwangen fand vom 16. bis 17. November 2007 das VIII. Treffen des kubanischen Dialogprogramms statt. Das Thema der Veranstaltung lautete diesmal „Humanisierung und Gesellschaft in Kuba heute. Herausforderung für das Christentum“.

Nach der Begrüßung wurde die Tagung von Kardinal Jaime Ortega, Erzbischof von Havanna, eingeleitet, der in seiner Ansprache auf das Verhältnis von Mensch und Gott in Kuba, auf die Paradoxie statistischer Untersuchungen zur Religiosität in Kuba, auf aktuelle Aspekte des Glaubens, auf synkretistische Formen und Inhalte der Religiosität und auf die Bedeutung des Katholizismus im heutigen Kuba einging.

Es folgten Beiträge hoher katholischer Würdenträger aus Kuba überanthropologische Fragestellungen im heutigen Kuba, über die Situation der Kirche  und die pastorale Herausforderung sowie über die historische Erinnerung und Konsequenzen für die Kirche in der kubanischen Gesellschaft.

Ein philosophisches Grundsatzreferat hielt Raúl Fornet-Betancourt, der in seinen Ausführungen die humanistische kubanische Tradition seit dem 19. Jahrhundert mit marxistischen Ansätzen verband und zum Mut für den Dialog unterschiedlicher Standpunkte aufrief. Die kubanische philosophische Tradition vor der heutigen Herausforderung der Humanisierung unterstrich auch der Theologe und Philosoph Ignacio Delgado aus Salamanca. Norbert Brieskorn präsentierte Gedanken zur Erinnerung, Zukunftsplanung und Solidarität mit Kuba. Martin Franzbach referierte über die sehr heterogenen Menschenbilder in der kubanischen Kriminalliteratur und die re-escritura (Neufassung) dieser Gattung für ein internationales Publikum.

Alle diese Beiträge gaben Anlass für lebhafte Diskussionen über die Perspektiven des Dialogs und die Rolle der Kirche in der gegenwärtigen Gesellschaft. Hier zeigte sich, dass der Dialog in und mit Kuba eine schwierige, aber dennoch notwendige Aufgabe bleibt, wie der verstorbene Papst bei seinem Besuch im Januar 1998 in Havanna mahnte, dass Kuba sich der Welt und die Welt sich Kuba öffne. Die Dokumentation der Tagung erschien 2008 in der Schriftenreihe des ISIS in Aachen.               

Martin Franzbach



















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Kunst 
im Salon von
Lissette Matalón
In Madrid entsteht ein Archiv zur zeitgenössischen 
kubanischen Kunstgeschichte

Die kubanische Künstlerin Lissette Matalón, über deren Arbeiten wir schon im Cuba Journal 1997 
berichteten, baut in Madrid eine Sammlung kubanischer Künstler im Exil und auf der Insel seit 1987 auf. 
Die Kollektion in Siebdrucken soll der Information und Promotion dienen, 
kann aber auch auf Ausstellungen gezeigt werden. 
Die Sammlung umfasst mehr als hundert Werke von Künstlern aus Kuba, den USA, Lateinamerika und Europa.

Zu den Hauptthemen gehören die Geschichte der Kolonisation, Auswanderung und Exil, die politische und wirtschaftliche Krise sowie Gesellschaftsprobleme im Zusammenhang mit Religion, Geschlecht und Rasse. Lissette Matalón beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Sammlung zeitgenössischer kubanischer Kunst. Ihr Ausgangspunkt war die Kunstwerkstatt „René Portocarrero“ 1983 in Havanna, die sie in Berührung mit bedeutenden Künstlern in Lateinamerika, den USA und Europa brachte. Mit ihrer Mitarbeiterin Prof. Carmen Cabrera Álvarez zeigt Lissette Matalón die Entwicklung und Bedeutung der zeitgenössischen kubanischen Kunst in verschiedenen Kontinenten. 
Die DeCub unterstützt dieses Projekt im Rahmen ihrer Möglichkeiten. 

Kontaktadresse: estudio@lissettematalonserigrafía.com


Oben: „Sin titulo II“ von Carlos Quintana (2001). Unten: “La Patera” von Armando Mariño (2003)

Links: “Carnis” von Juan Miguel Pozo (2004). Rechts: „Reímos tus gracias“ von Rodolfo Llopiz (2002).
Unten: “Cuida de nosotros” von Nelson Villalobos (2005)

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